Wanderer hatten uns von einer Podenca berichtet, die sich fast auf dem Gipfel des Teide an der 1863 von Engländern erbauten Schutzhütte Refugio Alta Vista auf 3.260 m Höhe aufhielt und dort bei den Wanderern um Futter bettelte. 

 

 

Um diese Jahreszeit ist der Teide mit Schnee bedeckt und die Temperaturen lassen maximal die Herzen hart gesottener Winterurlauber höher schlagen, sicherlich nicht jedoch die herrenloser Hunde. 

Es war also höchste Eile geboten, diese arme Hündin in den Höhenlagen um Alta Vista ausfindig zu machen und so schnell wie möglich von dort herunterzuholen. So machte ich mich kurzfristig einmal mehr gemeinsam mit Lydia auf den langen Weg in die Berge. 

Da das Refugio Alta Vista auf kürzestem Weg nur mit der Seilbahn zu erreichen war, an der sich täglich die Touristenschaaren tummeln, würde das Ganze sicher kein leichtes Unterfangen werden und ein solch abwechslungsreiches Geschehen lassen sich natürlich auch die Parkwächter des Parque National nicht entgehen und so ließen sie es sich nicht nehmen, uns begleiten zu wollen. 

 

 

Wir hatten uns für den frühen Morgen verabredet – der Tag würde ohnehin sicher lang genug werden – und kamen so in den Genuss eines kostenlosen Transfers gleich mit der ersten Seilbahn auf die Höhen unseres Inselwahrzeichens, des Teide. 

 

 

Von der letzten Seilbahnstation an stand uns anschließend ein zweistündiger Fußmarsch zur Schutzhütte von Alta Vista bevor. 

 

 

Endlich dort angekommen, von der Podenca jedoch keine Spur und auf unsere Nachfrage hin erklärte man uns, dass sie auch schon länger nicht an der Hütte gesehen worden sei. So beschlossen wir relativ enttäuscht den Abstieg zu Fuß zu machen, in der Hoffnung die Hündin auf dem Weg nach unten irgendwo zu sichten. 6 Stunden stiegen wir den Teide wieder runter – ohne Erfolg! Da die Mitarbeiter an der Seilbahn ja über unser Vorhaben informiert waren, erreichte uns dann, nachdem wir endlich wieder unten angekommen waren ein Anruf, dass die Hündin nun an der Seilbahn sei. Nach insgesamt 10 Std. Fußmarsch waren wir allerdings auch erst einmal am Ende unserer Kräfte und beschlossen notgedrungen, die Einfangaktion auf einen anderen Tag zu verschieben. 

Da der Teide jedoch wie gesagt schneebedeckt war, blieb uns für einen zweiten Versuch nicht allzu viel Zeit, wenn wir das Tier lebend retten wollten. Neuer Tag, neuer Versuch ... alles was wir bei unserem Vorhaben nicht gebrauchen konnten, waren schaulustige Touristen und so verabrede ich mit dem Chef der Seilbahn, dass wir (Leonie, eine Tierfreundin sowie eine meiner Helferinnen würden mich begleiten) mit einer Transportbox bewaffnet allein die erste Seilbahn nehmen würden und am späten Abend die letzte Gondel ebenfalls für für uns allein bzw. idealerweise dann mit Hund – reserviert bekämen. Um 09:30 Uhr waren wir wieder auf dem Berg und obwohl die Sonne ein bisschen schien, wehte uns ein eisiger Wind ins Gesicht und bereits kurze Zeit später waren wir trotz entsprechender Kleidung bereits ziemlich durchgefroren... 

 

 

4 Stunden harrten wir in der Kälte aus und warteten und warteten. Man hatte uns gesagt, dass sich die Hündin meistens um die Mittagszeit sehen lasse, da dann die Touristen kamen. Nachts ließ sie sich wohl unmittelbar am Krater nieder, da es dort ja aufgrund Vulkanaktivität relativ warm war. Dann war es endlich soweit – ein Seilbahnarbeiter sah, wie sich unser Objekt der Begierde an den Abstieg gen Schutzhütte machte, um sich ihr Mittagessen zu sichern. Er gab uns Bescheid und nun hieß es keine Zeit verlieren. Alles hatten wir minutiös geplant und vorbereitet, mit dem Futter bewaffnet waren wir zum Einsatz bereit. Inzwischen hatte sie das Plateau erreicht, von dem sie aus sicherer Distanz zu den Menschen dennoch an ihr zugeworfenes Futter gelangen konnte. 

 

 

Allerdings waren die Menschen, denen sie bislang wohl ihr Überleben verdankte, am heutigen Tag alles andere als hilfreich. Alle wollen gucken, alle wollen fragen, alle wollen irgendwie teilhaben und so mussten wir mit Hilfe der Parkwächter die Leute eindringlich in Schach halten, sie bitten, sich eine kurze Zeit ruhig zu verhalten und nicht rumzulaufen. Endlich war ein wenig Ruhe eingekehrt, alle Augenpaare auf uns gerichtet und was nun kommen würde ... der Zeitpunkt für mich, das Blasrohr mit dem Narkosepfeil zu präparieren und zu beten, dass ich mein Ziel nicht verfehlen würde. Keine leichte Aufgabe mit eiskalten Händen, die mir fast abzufrieren drohten, dazu die Aufregung und die dünne Luft .... aber ich traf sie! Als der Pfeil sich in ihre Flanke bohrte, schoss sie aufgeschreckt auf und davon und nun mussten wir ihr so schnell wie möglich folgen, bis die Narkose ihre Wirkung endlich entfalten würde und so hatten wir einige Mühe, sie in den Lavasteinen aufzuspüren. Allerdings reichte die Dosis nicht, um unser Mädchen in einen Dämmerschlaf zu versetzen. Die Zeit auf dem Teide hatte sie widerstandsfähig werden lassen und obwohl sie ziemlich hager schien, schien sie nicht weniger zäh zu sein. Mit dem Rascheln einer Plastiktüte und der Aussicht auf eine schmackhafte Leckerei lockte Leonie sie wieder näher an die Schutzhütte heran, wo wir dann narkosetechnisch noch einmal nachlegten. Dieses Mal schaffte sie es nicht mehr, so weit wegzulaufen und endlich konnten wir sie zur Seilbahn tragen, wo unsere Transportkiste bereits aufgebaut parat stand. Das Wort 'tragen' ist allerdings geschönt, denn Schnee und angetauter Schneematsch ließen den Transport in diesem unwegsamen Gelände zur Rutschpartie ausarten, die wir phasenweise auch auf unserem Allerwertesten absolvierten ... allerdings hatten wir die Hündin auf eine Bahre verfrachtet, was es dann doch etwas einfacher machte. Nun hieß es wieder erst einmal warten, bis die letzten Touristen mit der Seilbahn nach unten befördert waren, um mit der letzten für uns reservierten Gondel die Talfahrt anzutreten. 

 

 

 

Weihnachten stand bevor – und diese Rettung war nicht nur erlebnisreich, sondern dass sie überhaupt gelungen war, auch ein wunderschönes Geschenk für uns und bevor wir uns alle zum Abschied noch "Feliz Navidad" wünschten und ein paar erholsamen Feiertagen entgegensahen, war auf diese Weise auch bereits ein Name für unser Findelkind gefunden – FELIZA. 

Seit mehr als 20 Jahren im Tierschutz auf Teneriffa sind die Berge mein Einsatzgebiet, aber eine Rettung vom Krater des Teide hatte auch ich noch nicht erlebt. 

FELIZA – in meinen für den Parque National dokumentierten Hunderettungen ist sie der 121. Podenco des Jahres 2007 – ich werde mich wohl mein Leben lang an Felizas Rettung erinnern, einen der anstrengendsten, aber gleichzeitig auch einen der schönsten Einsätze auf dem höchsten Berg Spaniens in dieser atemberaubend schönen Natur und dem einmaligen Erlebnis, das grandiose Panorama am Krater sehen und erleben zu dürfen, das sonst nur sehr wenigen ausgesuchten Menschen zuteil wird, denen es gelingt, von der Stadt eine Sondergenehmigung für einen Aufstieg bis zum Krater zu erhalten. 

Feliza lebt nun auf meiner Finca und erholt sich von ihrem strapaziösen Überlebenskampf auf dem Teide – nun gilt es einiges nachzuholen: viele viele Mützen Schlaf und einige Mahlzeiten extra, damit sie wieder etwas Fleisch an die Rippen bekommt … mit jedem Tag geht es ein Stückchen Bergauf und inzwischen bekommen wir auch schon einen Begrüßungswedler ;-)

 

 

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