Es war wieder einer dieser klassischen Urlaube auf Teneriffa .... gerade mal 2 Tage bin ich auf der Insel, die Sonne lacht und ich freue mich, wieder einige Tage gemeinsam mit meinen Oldies verbringen zu können, die ja schon vor etlichen Jahren den deutschen Landen für immer den Rücken gekehrt haben. Die Sonne tut so gut, kommt man aus dem verregneten Deutschland hierher und so zieht es mich in den ersten Urlaubstagen immer erst einmal Richtung Wasser, muss ich doch die  Nase in den Wind und das Gesicht Richtung Sonne recken, um jeden Strahl aufzusaugen ... in der Ortschaft San Juan de la Rambla gibt es ein kleines öffentliches Schwimmbad, das in eine Felsschlucht gebaut ist, wenige Touristen verirren sich hier hin und man sitzt herrlich an den typisch spanischen Plastiktischen, schlürft sein Cerveza, hört die Wellen unter sich rauschen, genießt den fantastischen Blick auf die Küste und merkt, wie der Ballast des Alltags von einem abfällt ... ja, genau so einen Tag konnte ich gebrauchen.... Mit Badesachen bewaffnet mache ich mich gemeinsam mit meinen Eltern voller Vorfreude auf den Weg. 

 

  

 

Dass meine Mutter schon wieder Hundefutter und entsprechende Plastikschalen-Utensilien im Gepäck hatte, wusste ich bis dahin noch nicht... am Las Aguas angekommen sehe ich ihn dann das erste Mal – Aguas, so heißt er, sagen mir die Einheimischen an der kleinen Bude... ein Streuner, schon sehr alt mit riesigen Narben an den Vorderläufen, laufen kann er nicht mehr gut, sein Fell grauenhaft, wie ein halb geschorenes Schaf hängen ihm die Rastafetzen am Körper. Sein Körper übersät mit hunderten von Zecken, dick und vollgezogen, dass es mich schon ekelt ... er ist nicht abgemagert. Tagsüber bekommt er von dem Schwimmbadpersonal und den Gästen des Bades wohl zu fressen, nachts, wenn das Bad geschlossen hat und im Winter ist keiner mehr da, der sich um ihn kümmert. Als erstes denke ich über Soforthilfemaßnahmen nach. Vorrangig müssen die Parasiten weg. Die Spanier haben in ihrem kleinen Kiosk bereits einen Pappbecher aufgestellt und sammeln ihre Trinkgelder, damit für Aguas beim Tierarzt eine der teuren Stronghold-Ampullen erstanden werden kann, 5 EUR sind schon drin ... na das kann ja noch dauern ... ich berichte von unserem Verein und dass wir hier wesentlich unkomplizierter helfen können und verspreche am nächsten Tag ausgerüstet mit allem, was erst einmal Not tut (Stronghold, Ohrenreiniger etc.) wiederzukommen. Elke ist bis unters Dach voll mit Hunden und da hier keine akute Gefahr im Verzug ist, das Bad momentan jeden Tag geöffnet ist, Aguas sich hier auch ganz wohl zu fühlen scheint und futtertechnisch versorgt wird, will ich erst noch einige Tage warten, bis auch bei uns wieder etwas mehr Luft ist. So wälze ich mich dann noch 2 Std. auf meiner Liege rum, hab schon lange keine Lust mehr auf Baden u. Co. und reiße mich meiner Eltern zuliebe zusammen, wäre ich alleine gewesen, wäre ich schon längst auf unmittelbarem Weg nach Orotava. Aber morgen komme ich wieder Aguas ... versprochen! Abends fahre ich zu Elke, packe alles ein, was ich für Aguas Grundreinigung benötige sowie Futter, was ich an der kleinen Bude lassen möchte, damit gewährleistet ist, dass er immer genug zu fressen hat.

 

Der nächste Tag. Das Wetter ist fantastisch. Meine Eltern planen mit mir einen Strandtag im Süden der Insel.  Das passt mir ja nun gar nicht in den Kram, wollte ich doch nach Las Aguas, den Hundemann dort versorgen. Ich nöle rum, verabrede mich später mit meinen Eltern am Strand im Süden und mache mich alleine auf den Weg nach Las Aguas, denn Versprechen macht man, um sie nicht zu brechen... schon als ich in die Kurve zum Schwimmbad einbiege, sehe ich den Tumult am Schwimmbad. Ein Polizeiwagen, die Spanierinnen, die Aguas immer gefüttert haben, in Tränen aufgelöst .... Wo ist Aguas???? Er sitzt im Polizeiwagen und soll weg, und zwar sofort. Sie wollen ihn in die Tötung schaffen. Panik u. Hilflosigkeit machen sich breit. Ich fahnde völlig aufgelöst nach meinem Handy, kann kaum die Ziffern von Elke eintippen. Gott sei Dank, ich erreiche sie sofort. Ich schildere die Lage ... wir brauchen nicht viele Worte „bring ihn sofort her! Wir treffen uns beim Tierarzt in Orotava!“ – sie will in spätestens einer Stunde dort sein und ich soll warten. Elke, was wäre diese Insel nur ohne dich? Ich danke dir. Mit meinem besten spanisch mache ich den Beamten klar, dass ich mich um Aguas kümmern werde und ihn nun direkt mit in unsere Hundefinca nehme. Die Beamten sind froh, sich nicht um diesen stinkenden Streuner kümmern zu müssen und die Spanierinnen vergießen Freudentränen ... für mich ein fremdartiges Gefühl, denn dass sich die Einheimischen so um Straßenstreuner bemühen, war mir bislang neu. Die Polizei fährt wieder, droht aber vorher tägliche Kontrollen an, damit der Hund am Schwimmbad definitiv „weg“ bleibt. Ja, nun stehe ich da ... meine Eltern warten am Strand im Süden, an meiner mitgebrachten Leine sitzt ein stinkender, von oben bis unten mit Parasiten befallener Hund und guckt mich an. Vor mir steht mein Leihwagen. Ganz neu, wie die Leihwagenvermietung stolz zu berichten wusste, gerade mal 100 km auf dem Tacho und so riecht er auch noch (!) von innen – neu. Ich muss mir irgendwas einfallen lassen. Nicht nur Leihwagenfirma, sondern auch meine Eltern werden mich kalt machen, wenn dieses Auto durch einen pottendreckigen Straßenstreuner, der womöglich noch ein Panikhäufchen absetzt oder sich erbricht, ruiniert wird. Ich fuchtel irgendwie mit den Armen in der Luft rum und versuche den Spanierinnen begreiflich zu machen, dass ich irgendwas brauche, um die Sitze abdecken zu können, da es eben nicht mein Auto ist und ich eine gute ¾ Fahrt bis nach Orotava vor mir habe. Sie helfen mir mit einer großen Rolle einer Art Partytischdecke, die man hierzulande meterweise über Biertische ausbreitet. Ich decke die Rückbank ab so gut es geht ... und leider geht das alles andere als gut. Der „schmächtige“ Aguas dreht sich einmal um die eigene Achse und schon ist mein Kunstwerk an allen Ecken und Enden zerrissen. Im Geiste plane ich bereits den Besuch der Tankstelle mitsamt des Staubsaugers, wenn ich Aguas erst einmal in der Klinik zum „Check in“ abgeliefert habe ... aber soweit bin ich noch nicht .... so machen wir uns dann auf den Weg - Aguas und ich. Ich unterhalte mich mit ihm, frage ihn, ob er weiß, dass er gerade dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Er guckt mich treuseelig an und scheint es zu ahnen. Ich bin stolz und glücklich. Ich habe ihn gerettet ... was wäre gewesen, wenn ich nicht nach Las Aguas gefahren wäre heute morgen?? Er wäre gestorben.  Er ist ganz lieb, legt sich hin und döst.... guter Hund... schlaf schön... noch eine halbe Stunde und wir sind da..... aber es kommt wie es kommen muss .... 5 Minuten vor der Tierklinik fängt er auf der Rückbank an zu quietschen und erbricht sich in das nagelneue Leihauto und das nicht zu knapp... oh nein!!!! Ich parke an der Klinik, binde Aguas an einer Laterne fest, derweil ich würgend schon mal das grobe Erbrochene mit Tempos aus dem Wagen schippe... Elke naht, lacht sich kaputt, als ich ihr die Leihwagennummer erzähle, sie sieht es genau wie ich locker, das Tier war schließlich wichtiger ... ob die Leihwagenfirma und meine Eltern das wohl auch so sehen?? Inzwischen ist es 14.00 h, meine Eltern warten seit ca. 2 Stunden am Stand auf mich .... Aguas tut Elke leid. So ein armer Kerle in einem verheerenden Zustand, keiner hat sich je richtig um ihn gekümmert. Aguas kommt in die Klinik zum Parasitenentfernen, kastrieren, impfen und auf Mittelmeerkrankheitencheck ... das volle Programm eben. Der arme Kerl weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Wieder gebe ich ihm ein Versprechen, nämlich, dass er nur noch diese eine Tortur über sich ergehen lassen muss und dass es ihm danach dann sehr gut gehen wird ... 

 

Ich muss mich nun erstmalig vorrangig meinem Auto widmen, das bestialisch stinkt. Ich fahre mit zu Elke, hole Eimer, Wurzelbürste und Co. und versuche aus dem Teppich im Fußraum rauszureiben, was rauszureiben geht. Auf dem Weg nach Hause kaufe ich im Al Campo noch eine große Flasche Desinfektionsmittel und sprühe die Stellen ein, die in Mitleidenschaft gezogen wurden. Um 16.30  h rufe ich meine Eltern an, berichte die ganze Story und dass ich nun nicht mehr an den Strand kommen würde. Meine Ma freut sich wie verrückt, dass ihr Schützling gerettet wurde, fragt aber gleich im zweiten Satz, wie der Wagen aussieht. Ich habe mir große Mühe gegeben – man sieht und riecht – vorerst – nichts mehr, die Haare sind ebenfalls ausgesaugt und ich bin fix und alle ....

 

Am nächsten Tag kommt Aguas dann zu uns oder besser in Elkes Hundefinca. Er ist noch lädiert von der Narkose wegen der Kastration und hat mein ganzes Mitleid ... aber warte Junge, in ein paar Tagen bist du ein neuer Hund ....

 

und so kommt es dann auch... Aguas blüht zusehends auf. Ein paar Tage nach der Kastration kommt er noch einmal in die Klinik für ein medizinisches Bad, denn die ganzen Parasiten sind nun abgefallen, aber sein Fell steht ja noch vor Dreck ... er kann es wohl gar nicht fassen, was es heißt sauber zu sein ... Elke wird zu seiner persönlichen Retterin, bekommt er hier das tollste Futter, muss nachts nicht mehr frieren, hat immer Gesellschaft und kann mit seinesgleichen spielen. Wann und wo immer sie auftaucht, beginnt er an ihrer Seite vor Dankbarkeit zu heulen und kriecht fast in sie rein ... und ich freue mich, dass er auch bei mir ein kleines bisschen grunzt vor Freude ; - )) .... Lt. Tierarzt ist Aguas ungefähr 8-9 Jahre alt, die großen Narben an seinen Beinen sind verheilte Schnittwunden. Er hat Arthrose, kommt schlecht hoch, aber er ist glücklich hier und Elke beschließt, dass er für immer bleiben kann, bis das Ende seiner Tage irgendwann kommt .... Aguas ist heute der Vater unserer Neuankömmlinge, um die er sich rührend kümmert, besonders die kleinen haben es ihm angetan .... 

  

... und ich bin bei jedem Besuch nun der glücklichste Mensch der Welt, dass wir diesem lieben Kerl helfen konnten .... und nicht nur ich, auch seine spanischen Freunde vom Las Aguas kommen nun regelmäßig zu Besuch, haben sie ihn beim ersten Mal kaum wieder erkannt, so ein hübscher Hund ist aus ihm geworden.

 

Ein richtiges happy end ... so wie wir es viel öfter gebrauchen könnten.

 

  

 

Aguas ist nun einer unserer Patenhunde. Vielleicht möchten Sie ja sein/e Pate/Patin werden?

 

Tanja Groenhoff

Pro Animal de Tenerife

 

[zurück]