GALA im Oktober 2004
 – oder: ... so sieht ein glücklicher Hund aus ...

 

 

Wenn ich dieses Foto sehe, breitet sich ein glückliches. zufriedenes Lächeln in meinem Gesicht aus. Dieses Glück nachfühlen können wahrscheinlich so richtig nur diejenigen, die Gala kannten wie sie damals war ...  ängstlich, misstrauisch und scheu ...  dieser Hundeseele wieder Vertrauen zu schenken, dauerte über ein Jahr - ein Jahr, in dem auch Frauchen Katrin und ihr Mann Alfonso manches Mal verzweifelt waren, weil es schier aussichtslos schien, aus Gala dauerhaft eine glückliche Hündin zu machen, die sich bei ihren Menschen wohl fühlt, so sehr sie sich auch um sie bemühten ... aber sie haben es geschafft!

Ich hatte das Glück, dabei sein zu dürfen, an diesem Tag irgendwann im Mai 2003, als Elke mit mir auszog, um  in Machado eine Podenca einzufangen .... ich erinnere mich an diesen Tag als wäre es gestern gewesen und daher nutze ich die Gelegenheit, lasse diesen Tag noch einmal Revue passieren und bringe Galas Einfangaktion zu Papier - ein Unterfangen, das Monate der Vorbereitung bedurfte, bis es dann an diesem Tag im Mai 2003 endlich soweit sein sollte....

Es ist irgendwann um die Mittagszeit an einem ziemlichen heißen Tag. Elke und ich hatten schon den ganzen Morgen recht viel um die Ohren, waren viel unterwegs gewesen u. wir hätten uns am liebsten mit einem kühlen Getränk irgendwo in den Schatten gepflanzt, aber Elke hatte Katrin u. Alfonso versprochen, dass sie heute den Versuch wagen würde, in Machado die Podenca Gala einzufangen, die dort in einer Schlucht unterhalb einer Hauptstraße in einer Art Steppe seit Monaten ihr Dasein fristete und ihr Leben definitiv Katrin u. Alfonso zu verdanken hatte, die sich um sie kümmerten. Und so machten wir uns also noch einmal Richtung Machado auf die Socken – im Gepäck die große Lebendfalle ....  

Im Auto auf dem Weg dorthin erzählte Elke mir den Beginn der Freundschaft zwischen Katrin und Gala – oder war es vielleicht doch mehr wie eine Bestimmung für beide? Katrin hatte jedenfalls gerade ihre Hündin verloren, der sie immer noch sehr nachtrauerte. Irgendwann fuhr sie die Straße in der Nähe von Machado gen Süden und sah Gala am Straßenrand stehen, ausgemergelt in der prallen Sonne ...  Katrin hatte schon immer ein großes Herz für die geschundenen Tiere dieser Insel und gerne wollte sie auch dieser Hündin helfen. Machado ist eine ganze Ecke von Orotava entfernt, wo Elke u. unsere Hunde zuhause sind, so dass Elke dort nicht ‚mal eben’  regelmäßig vorbeifahren kann ... Katrin rief nach ihrem ersten Kontakt mit Gala bei Elke an, berichtete ihr, dass dort eine Hündin in Not sei und bat Elke um ihre Hilfe. Elke musste ihr die enttäuschende Mitteilung machen, dass man solch scheue Podencas unmöglich von jetzt auf gleich einfangen kann, da sie sofort ‚über Land’ gehen soweit die Füße tragen, sobald man sich ihnen versucht zu nähern. Hier hieß es erst einmal eine Vertrauensbasis schaffen, und zwar durch kontinuierliches Anfüttern und Zusprache.... sicherlich hätten jetzt viele Menschen resigniert, a la, tja, dann kann ich leider nichts tun ... nicht so Katrin. 
 
Die Hündin ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, ließ sie nachts nicht mehr schlafen und sie wollte wie Elke es ihr gesagt hatte, hier versuchen diese so nötige Vertrauensbasis schaffen, da Elke unmöglich jeden Tag nach Machado fahren konnte.  

Fortan fuhr Katrin täglich selbst kilometerweit nach Machado, um Gala mit Futter und Wasser zu versorgen, immer an der gleichen Stelle, dabei rief sie ihren Namen, sprach mit ihr und saß oft stundenlang in der Steppe, einfach nur um bei ihr zu sein und sie zu beobachten. Es sollte Monate dauern, bis sie Gala soweit hatte, dass sie sich auf Zuruf bis auf ca. 2 m heranwagte ...  aber für Katrin stand vom ersten Tag an fest, dass sie und Gala füreinander bestimmt waren ...

Nun kam an unserem Stichtag erschwerend hinzu, dass Gala eine Vertrauensbasis eben zu Katrin aufgebaut hatte, nicht aber zu uns und so mussten wir uns mucksmäuschenstill verhalten, damit Gala sich überhaupt sehen lassen würde, da jeder fremde Einfluss ihr ohnehin großes Misstrauen noch verstärken würde. Wir trafen uns mit Katrin u. Alfonso an der verabredeten Stelle, parken die Autos am Randstreifen ... Elke u. ich blieben im Wagen und Katrin rief wie so viele Male zuvor nach Gala ... es war totenstill, gelegentlich raste zu allem Überfluss  ein Auto die Straße lang und ich malte mir schon wieder Schlimmeres aus, als auf einmal 2 große braune Ohren hinter der Leitplanke auftauchten, Gala die Pass-Straße erklimmte und in alter Manier auf 2 m Abstand stehen blieb ...

Oh Herr, das würde schwierig werden ... diese Hündin würden wir nur mit der Falle einfangen könnten und dies kann erfahrungsgemäß Stunden, ja manchmal sogar Tage dauern ... hinzu kommt, dass die Falle ständig bewacht werden muss, da solche großen Lebendfallen liebend gerne geklaut werden ... nun ja, es galt keine Zeit zu verlieren, Gala musste entsprechend hungrig sein, da Katrin sie bewusst nicht gefüttert hatte und wir machten uns an Werk, das Ungetüm von Falle aus dem Auto, über die Leitplanken und sodann die steile Böschung runter zu hieven ....

Wir deponierten die Falle an Galas gewohntem Futterplatz unter einem großen Schatten spendenden Baum. und begannen mit dem Aufbau ... Gala spähte aus sicherem Abstand hinter uns her  und beäugte das seltsame Treiben an ihrer Futterstelle ...

 

 

... eine gute ¾ Std. später steht das Riesenteil endlich. Nun heißt es das Ganze naturgetreu dekorieren, auf dass Hund nicht merkt, dass es sich um eine Falle handelt. Wer uns von der Straße aus beobachtet hätte, hätte sich sicherlich gefragt, ob wir ein verstecktes Feld abernten, denn wir müssen schon ziemlich blöde ausgesehen haben, wie wir anschließend 4 Mann hoch wie die Besessenen Gras aus dieser Steppe gerupft haben, um die Dekorationsgrundlage für unsere Falle zu schaffen ... Katrin und ich robben wechselseitig auf Knien in diesem Käfig rum, um auch alles ja schön gleichmäßig zu verteilen und ich kann nachempfinden, wie sich ein Tier fühlen muss, das eingesperrt wird - zugleich sehen wir dabei derartig bescheuert aus, dass wir uns halb schlapp lachen und Elke uns immer wieder zur Ruhe ermahnen muss ... aber auch dieser Part ist irgendwann bewältigt und unsere Falle gleicht zumindest auf dem Erdboden der natürlichen Umgebung. Sodann galt es die letzten Vorbereitungen zu treffen.... vorsichtig deponieren wir die tollsten Frischfleisch-Futterköder gepaart mit Dosenfutter und einem Strang Beruhigungspaste, anschließend kraxelt Elke zum Wagen zurück, um das Betäubungsblasrohr startklar zu machen und nachdem sie mit ‚Pfeil u. Bogen’ zurück ist, stellt sie als letzte Tat die Falle auf ‚scharf’ ...

 

Gala muss, wenn sie erst einmal in die Falle gegangen ist, bis ans Ende, um an das Futter zu gelangen. Tritt sie dabei dann in der Mitte auf ein getarntes Brett, wird der Zug ausgelöst und die Falle schlägt hinter ihr zu ... nun heißt es warten ... Jeder von uns sucht sich ein ‚lauschiges’ getarntes Plätzchen hinter irgend einem Strauch oder Busch in der Nähe, richtet den Blick auf die Falle und bemüht sich möglichst auch nicht einen Laut von sich zu geben. Verständigen tun wir uns von nun an nur noch per Handzeichen ... Gala ist momentan außer Sichtweite, aber wir hoffen inständig, dass ihr Hunger sie zum Futter treiben wird ... Unter meinen Schuhen knacken vertrocknete Grashalme und kleine Äste, irgendwelches Getier krabbelt zielstrebig meine Fesseln hoch, aber nun heißt es durchhalten und absolut keinen Mucks von sich geben und während die Mücken sich über unsere Knöchel hermachen, kleine Distelblüten auf einmal an jeder Ecke pieksen und schlussendlich ein nettes Plätzchen in unseren Haaren finden, peilen wir alle durch das Dickicht und hoffen auf das Auftauchen von Gala .... und dann endlich kommt sie vorsichtig die Schlucht runtergewandert in Richtung Futterplatz ... wird sie reingehen? Wir halten die Luft an – Gala ist sehr sehr vorsichtig, dennoch ist der Hunger größer ... sie geht in die Falle und diese löst auch aus. Freudengeheul unsererseit - wir haben Gala!!! .. und verlassen glückseelig unsere Verstecke im Dickicht ...

 

Aber damit ist es nun noch nicht getan ... Gala muss narkotisiert werden, sie ist sehr nervös, tänzelt in der Falle unruhig auf und ab und flüchtet von einer Ecke in die nächste. Allein das Blasrohr nur auf sie zu zielen gestaltet sich schon zu einem Geduldsspiel für Elke, weil sie immer wieder weghuscht ... Der erste „Schuss“ geht daneben – Gala ist jetzt erst recht gewarnt ... der 2. dann sitzt, Gala schreit jämmerlich, der Pfeil hängt in ihrem Oberschenkel. Katrin kann dies alles kaum ertragen, aber ohne dem geht es leider nicht, denn wer sollte Gala erklären, dass wir es nur gut mit ihr meinen und sie einmal ein besseres Leben bekommen soll? Katrin versucht sie zu beruhigen so gut sie kann, sie ist die einzige, der Gala – wenn überhaupt – vertraut. Wieder warten bis die Narkose wirkt ... wir warten und warten und warten ... 20 Minuten .. . nichts tut sich, Gala ist genauso nervös wie vorher auch ... sie ist dermaßen aufgeregt, dass die Dosis nicht reicht, um sie lahmzulegen und so weh es uns in der Seele tut, ein 3. Pfeil ist nötig ..., dann endlich nach fast 45 Minuten sackt sie langsam zusammen ... noch mal ¼ Std. warten bis sie auch wirklich schläft, sonst war alles umsonst, wenn wir sie zu früh als der Falle holen ...

Gala schläft tief und fest ... nun müssen wir sie so schnell wie möglich aus der Sonne ins Auto schaffen ... der Schweiß läuft  inzwischen in der prallen Nachmittagssonne in Strömen an uns runter. Elke holt eine Trage und zu zweit bahnen wir uns einen mühsamen Weg den Steilhang Richtung Straße wieder hoch ... wir verfrachten Gala in eine Transportbox im schattigen Teil des Wagens von Katrin u. Alfonso, die gleich in mit ihr in die Klinik durchfahren werden, um Gala durchchecken und am nächsten Tag dann auch gleich kastrieren zu lassen. 

Wie gerne würden wir uns nun nach getaner Arbeit ins Auto werfen, die Klimaanlage einschalten und ´was kaltes trinken ... aber die Falle muss wieder abgebaut werden, das Futter wieder  ins Auto und so klettern wir dann zum x-ten Mal die steile Böschung wieder runter ... Alfonso – ganz der Mann – erledigt hier sehr zu unserer Freude den Großteil der Schinderarbeit, baut das Ding wieder ab und schleppt die schweren Fallenteile gleich mehrmals hintereinander die Böschung rauf, um sie wieder bei Elke im Auto zu verstauen ...

 

Gute 5 Stunden sind inzwischen vergangen und wir sind alle ziemlich erledigt. Katrin u. Alfonso fahren mit Gala in die Klinik und wir verabreden uns für den nächsten Tag zum telefonieren ... Elke u. ich beschließen, heute wirklich genug getan zu haben und fahren auf direktem Weg zurück nach Orotava. Derweil Elke die  Hunde versorgt,  schmiere ich uns in der Küche ein paar Schnitten und hole 2 Flaschen eiskaltes Bier aus dem Kühlschrank. So lassen wir dann erschossen, aber doch sehr zufrieden diesen Tag ausklingen, denn inzwischen ist es auch schon wieder nach 21.00 h und es wieder einmal Abend auf Tenerife, wo die Tage immer irgendwie viel zu schnell zu Ende gehen ...

Gala kommt nach ihrer Kastration zur Resozialisierung und Gewöhnung an Mensch und Tier erst einmal zu Elke und siedelt einige Wochen später zu ihren Findern und Rettern Katrin u. Alfonso um, die das Glück haben, auf dieser wunderschönen Insel zuhause zu sein. Die erste Zeit mit Gala ist für beide wahrlich nicht leicht. Es dauert lange, bis Gala ihren Freiheitsdrang ablegt. Zerkratzte Türen, zerbrochene Fenster, eine mehrmals ausgebüxte Gala und ihre Menschen, die nach ihr suchten, viele viele Nerven und ebenso viel Liebe waren der Preis, um in nun etwas mehr als einem Jahr das zu realisieren, was Katrin von Anfang an im Gefühl hatte – „diese Hündin ist für mich bestimmt ....“

 
 
Tanja Groenhoff

Pro Animal de Tenerife im Okt. 2004

 
 

.... und ich? ich war beim Schreiben dieses Berichtes irgendwie gar nicht hier – abgetaucht in Gedanken nach Tenerife. Weit weg von Deutschland, wo nun Herbst ist, Regentropfen an meinem Fenster runter rinnen und es langsam schon dunkel wird, obwohl es erst Nachmittag ist und mir wieder einmal bewusst wird, wie sehr ich jetzt schon wieder meinem nächsten Urlaub entgegenfiebere, der mich wieder auf ‚meine’ Insel, zu meiner lieben Freundin und unseren Tieren bringen wird und wieder einmal wird mir tief im Innern klar, dass Tenerife längst irgendwie auch schon meine Heimat geworden ist ... tja, wer weiß schon was die Zukunft bringt ...  vielleicht wird diese Insel auch eines Tages meine Bestimmung ...

Tanja Groenhoff

Pro Animal de Tenerife, im Okt. 2004

 

[zurück]