Mira und ihre Kinder - 
oder Tierschutz und Freeclimbing

„Mira“ unsere alte Dame mit ihren 
Kindern hoch oben am Mirador de 
Otono auf 1900 m Höhe in den Kiefern- 
und Eukalyptuswäldern

Mira wohnt schon seit vielen Jahren mit  ihrer Tochter Dunja dort
oben in den Wäldern, Töchterchen  Dunja  hatte  ich  bereits vor
Jahren sterilisieren lassen. Mira war jedoch schon so alt, dass ich
es nicht mehr für nötig  hielt,  zumal  ich  obendrein  auch  nicht
geglaubt hatte, dass sich in dieser Höhe auch noch  ein  Hunde-
mann aufhalten könnte. Vor einem halben Jahr wurde ich  jedoch
eines Besseren belehrt, denn  Mira  zeigte  mir „Claudia und Iris“,
ihre 2 süßen Hundekinder,  die  wir  glücklich  nach  Deutschland
vermitteln konnten. 

Von da an versuchte ich Mira einzufangen, um sie sterilisieren zu
lassen – aber viele Male vergebens, da  ich die Fütterungstouren
immer alleine fahre und als ihr dann  das l etzte  Mal  auf  meiner
Fütterungstour  begegnete,  sah   ich  die  erneute  Bescherung,
denn sie hatte Milch und somit wieder mal Kinder.

So  beschloss  ich,   meine  liebe  Hilfe  Iris,  die  sich  sonst  auf
unserem  Grundstück   rührend  Tag  ein  Tag   aus   um   unsere
Vierbeiner  kümmert, mit auf  meine  Tour  zu  nehmen,  um  Mira
eventuell  einfangen zu können, denn so ein großes Tier kann ich
nun leider  unmöglich alleine in mein Auto heben.  Am  Mirador de
Otono  angekommen, dauerte es eine Weile bis Mira  sich  blicken
ließ – nun, wir  warteten  geduldig.  Mira  und  Dunja  leben  dort
oberhalb   eines  Touristenaussichtspunktes   auf   einem  hohen
Berghang, auf  den wir immer unter enormer Anstrengung  Futter
und Wasser für  die zwei hochschleppen, verläuft doch unterhalb
dieses Hanges  direkt  die  Hauptstraße,  wo  ständig  Busse und
Touristen mit ihren Autos  rasen.  Was  ich  normalerweise  daher
immer vermeide, musste ich ihr an diesem Tag gestatten, nämlich
den Hang herunter über die Straße zu uns zu  kommen,  um  sich
vorab schon einmal ein  Leckerchen  einzuheimsen.  Iris  und  ich
versuchten, sie von alleine dazu zu motivieren, in  unser Auto zu
steigen, sie war jedoch sehr misstrauisch, kannte sie Iris ja noch
nicht so gut wie mich ... Iris  versuchte  sich  im  Hintergrund zu
halten und  ich  sie  mit  besonderen  Leckerbissen  ins  Auto  zu
locken. Sie hatte einen  Riesenhunger,  musste  sie  ja  nun auch
noch ihren Nachwuchs versorgen. Mira und ich kennen uns schon
viele Jahre und  so  vertraute  sie  mir,  stieg  ins  Auto  und  ich
konnte die Tür schnell  schließen.  Das  war  nachmittags  gegen
15.00 Uhr. Jetzt hieß es einen Tierarzt  ausfindig zu machen, der
mir noch heute am gleichen  Tag  meine  Mira  sterilisieren würde,
denn sie musste ja  zu  ihren  Kindern  zurück.  Das  Telefonieren
nahm kein Ende. Aber auch  nicht  ein  Tierarzt  war  bereit, Mira
sofort zu sterilisieren. Sie alle boten mir Termine in einigen Tagen
oder der nächsten Woche an und wollten meine  Notlage  irgend-
wie nicht verstehen. Dem Himmel sei Dank,  dass  ich  Iris  dabei
hatte, denn   als   halbe   Spanierin   mit   perfekten   Spanisch-
Kenntnissen konnte sie sich dann in der Aufregung  doch  besser
verständigen als ich. Inzwischen hatten  wir  eine  24 h-Klinik  in
der Leitung und Iris bat den dort tätigen Tierarzt  dann inständig
um seine Hilfe und schilderte unsere Situation und  Gott sei Dank
– er war willens uns zu helfen. Mira  wurde also  am gleichen Tag
sterilisiert und wir konnten sie  am nächsten Tag um 12.00 Uhr in
der Klinik abholen. Wir fuhren  sofort  mit  ihr in die Berge, wo sie
ihre Kinder irgendwo versteckt hatte,  in  der  Hoffnung, dass sie
uns zu ihnen führt. Zu diesem Zweck hatten  wir  ihr  eine  lange
Laufleine angelegt, dies ist in diesem  unwegsamen  Gelände hier
unerlässlich,  denn  sonst  verschwindet   so   ein  Tier  genauso
schnell wie  es  irgendwo  aufgetaucht  ist.  Madame  zierte sich
noch etwas und wollte gar nicht  mit  mir  gehen,  ist  sie  es  ja gewohnt in Freiheit und nicht angeleint zu  leben.  Also  ging  ich
vor , Mira schleppend hinter mir her und  das  Schlusslicht bildete
Iris mit einem Sicherheitsabstand ...  So  kraxelten  wir  alle  drei
vor uns hin – Berg auf, Berg ab – an den  ausgetretenen  Pfaden konnte ich noch  ungefähr  erahnen,  in  welche  Richtung  es zu
Miras Kindern ging, dann wollte  Mira  jedoch  nicht  mehr weiter,
denn sie hatte  inzwischen  mein  Vorhaben  durchschaut - doch
nach einiger Zeit guten Zuredens – wir  sind  doch  schon  lange
alte Freunde ... – ging sie dann doch, und  zwar  dieses  Mal vor:
nun begann unsere  Odyssee  über  schmale  Bergrücken,  neben
denen  rechts  und  links   die   Barrancos   steil   abfielen.   Das
Lavagestein bröckelte unter unseren Füßen und wir schauten gar
nicht erst nach rechts und links,  denn  sonst  hätten  wir  unser
Vorhaben wohl abgebrochen. So ging es weiter  und  weiter  und
Iris   und   ich   hatten   inzwischen   das   Gefühl,   schon   eine
Tageswanderung hinter uns zu haben. Das  Gelände wurde immer
unwegsamer,  es  ging  steil  rauf,  dann   genauso  steil  wieder
runter. Immer noch hatte ich Mira an  der Laufleine.  Dann wurde
es so steil, dass  wir  uns  auf  eine  Art  Schlittenfahrt  begeben
mussten,  nur  hatten  wir  leider  keinen  Schlitten,  aber unsere 
Hinterteile haben uns hier gute  Dienste  geleistet.  So  rutschen
wir  dann  auf  unseren  Allerwertesten  die   Hänge   runter  und
fragten  uns  schon  während  der  „Talfahrt“,  wie  wir  da  wohl
jemals wieder rauf kommen  sollten.  Mitgehangen – mitgefangen,
jetzt war eh alles zu spät...  Auf  einmal  fing  Mira  nach  langer
langer Zeit an zu  ziehen  wie  eine  Verrückte,  so  dass  ich die
Leine loslassen musste,  weil  ich  ihrer  Kraft  nicht  standhalten
konnte. Sie kam jedoch nicht weit, da sich  die  Leine  in  einigen
der kargen Sträucher verfangen hatte. 

Dies wiederholte sich noch einige Male,  bis  wir  dann auf einmal
Geräusche hörten: und da saßen  sie:  3  süße  Hundekinder,  die
schon  sehnsüchtig  auf  Mama  Mira  warteten.  Iris   und   mich
durchströmte ein Gefühl des Glücks,  dass sich  diese  Tortur nun
doch gelohnt hatte und wir Miras Kinder gefunden hatten. 

Sofort ließ Mira sich nieder, um ihre Kleinen zu säugen  und dann
wurde erst mal  genuckelt  was  das  Zeug  hielt. „Dista“, „Moni“
und „Zula“ nannten wir die 3 Kleinen Mädels,  die  nun  zufrieden
vor sich hin grunzten.

Natürlich  hatten  wir  auch  einige  Dosen  Welpenfutter  mitge-
nommen,  denn  wir  wussten  ja  nicht,  wie   ausgehungert  die
Kleinen sein würden, schließlich waren sie einen Tag ohne Mutter
und so speiste die kleine Hundefamilie dann gemeinsam, bis  alles
weg war. Sodann wollten die 3 Kleinen nun aber schnellstmöglich
in ihr kleines  Hundebettchen  in  einer  tiefen  Erdkuhle  in  einer
Felsausbuchtung, aber dort konnten  und  wollten  wir  sie  nicht
lassen. Sie hatten noch keinerlei schlechte Erfahrungen mit  den
Menschen gemacht und waren auch  noch  sehr  zutraulich – die
Ähnlichkeit  zur  Mutter  ganz  offensichtlich,  sie  durften   jetzt
schätzungsweise 1 ½ Monate alt  sein  mit  ihren  blauen  Äugel-
chen.... 3 kleine Presa Canarias.

Mutti Mira  legte  sich  zur  Ruhe  und  Iris  und ich  nahmen die
Kleinen in unsere Jacken und wollten nun  versuchen, die Felsen
wieder hoch zu kraxeln, aber das Gestein war  so  brüchig, dass
wir  so,  wie  wir  hochkletterten  wieder   runterrutschten.  Wir
versuchten dann einen  Aufstieg  durch  die  Felsspalten, kamen
aber  nur  einige  hundert  Meter  weit,  dann   versperrten  uns
Gehölzreste und verdörrte  Büsche  den  Weg.  Die  Kiefernadeln
waren dermaßen glatt, dass wir  schneller  wieder  unten  waren
als uns lieb war.

Im dritten Anlauf stieg dann einer von  uns  beiden hoch zu einer
der nächstgelegenen  Kiefern,  umwickelte  diese mit Miras Lauf-
leine und dann  zogen  wir  uns  Stück  für  Stück  hoch,  bis zur
nächsten Kiefer – der Weg bis zum Auto  musste  noch unendlich
sein ... es war mucksmäuschenstill, keiner  sagte  einen Ton und
ich glaube wir beide  dachten  das  Gleiche,  dass wir aus diesen
Schluchten niemals  wieder  rauskommen  würden, und falls doch
sicher nur mit gebrochenen Knochen. Wir konnten uns noch nicht
einmal bemerkbar machen, denn das Mobil  hatte  in  diesem Gral
keinen Empfang und  kilometerweit war  keine  Menschenseele zu
sehen, nur Krater und  Berglandschaft ... Nach etlichen Stunden,
die uns wie Tage erschienen, kamen  wir  an  einer  Plattform an,
die von großen Granitblöcken umsäumt war.  Hoffnung  keimte in
mir auf, hatte ich diese doch bei meinen vorherigen Suchen nach den Kindern schon öfters bemerkt –  jetzt  wusste ich auf einmal,
dass wir es geschafft hatten und dass auch das Auto nicht mehr
allzu weit entfernt sein  konnte.  Am  Auto  angekommen  war es
kalt und regnerisch.  Wir  sahen  aus  wie  die  Schornsteinfeger,
denn vor Jahren hatte es  hier einengroßen  Waldbrand  gegeben
und die Rinden der Kiefern  sind zu einem großen  Teil  noch  ver-
kohlt und wir schwarz,  schwärzer ... tiefschwarz – Gott sei Dank
ja nur äußerlich und  eine warme Dusche würde uns  ohnehin  gut
tun – 
aber vorher ging es erst Mal schnurstracks in die Tierklinik, damit
die kleinen Knirpse durchgecheckt  würden.  Der  Tierarzt  freute
sich mit uns, dass wir die Kleinen hatten retten können. 

Nunmehr  kann  Mama  Mira   ihren   Ruhestand   gemeinsam  mit
Tochter Dunja genießen und brauch  sich  nicht  noch einmal um
Nachwuchs zu kümmern – die 3 Kleinen  wachsen  und  gedeihen
und futtern wir die Scheunendrescher.

Das war wieder mal eine anstrengende aber tolle Rettung, die Iris
und ich da vollbracht haben – und ich glaube, ab und zu darf man
auch einmal auf sich selbst stolz sein, oder??

Elke Rossmann - Juli 2002
 


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