Die Betreuung meiner vierbeinigen Freunde in Chio stellt mich immer wieder vor neue Aufgaben ... schon seit Monaten befasse ich mich mit dem Einfangen und der Kastration der „Chios“, wie ich mein Mini-Rudel dort in Chio liebevoll zu nennen pflege. Dass ich bei der Hündin Benya zu spät dran war, merkte ich spätestens, als mir bei der Fütterung ihr Gesäuge auffiel ... Benya war nun zu allem Überfluss auch noch trächtig – ihre Sinne in diesem Zustand äußerst sensibiliert und wachsam, war an ein Einfangen nicht mehr zu denken, da ihr Verhalten mit äußert misstrauisch noch gelinde beschrieben wäre ... so mussten wir also warten, bis ihre Kleinen auf der Welt waren ... mein geschultes Auge ließ mich recht schnell erkennen, wann in etwa sie entbunden hatte und nun hieß es für uns: suchen, suchen und noch einmal suchen ... aber wir hatten die Rechnung ohne Benya gemacht. Diese Hündin war derartig schlau und listig und führte uns so dermaßen an der Nase herum, dass man es wirklich nicht mehr lustig finden konnte. Wochenlang liefen wir uns in dem quadratkilometergroßen Gelände die Hacken ab, die Zahl der Höhlen und Felsspalten, die wir in dieser Zeit inspiziert haben, dürfte in die Hunderte gehen ... nichts, aber auch nichts – kein Geräusch außer dem Rauschen der Kiefern im Wind ... und so wurde wieder einmal die Zeit zu unserem Hauptproblem. Sollten diese Winzlinge überhaupt überleben, mussten wir sie so schnell wie möglich einfangen, denn eine Resozialisierung könnten wir ansonsten getrost über Bord werfen und noch mehr hungernde Wildmäuler in Chio sollten es ja nun auch nicht werden ...  und so verstrichen wieder viele Tage, an denen ich allein, mit Freunden oder freiwilligen Helfern viele Stunden auf der Lauer lag, wir Benya mit den tollsten Leckereien lockten und ihre Verfolgung aufnahmen, sobald sie sich mit einer Futterration im Maul auf den Weg in Richtung ihres Nachwuchses machte ... (wann unser Buch „soweit die Füße tragen“ erscheint, geben wir noch gesondert bekannt ;-)) ... ). ohne Erfolg – wir gaben entmutigt auf. Ende November begann ich mir dann ernsthaft Sorgen zu machen. Ich hatte Benya 2 Tage hintereinander nicht gesehen und in meinem Bauch machte sich ein mulmiges Gefühl breit ... das Auffinden des Nachwuchses wurde nun allerhöchste Zeit und wir klammerten uns an jeden Strohhalm irgendeiner grandiosen Idee, wie es gelingen könnte, die Welpen zu finden. Meine Freundin Anabelen erinnerte sich dann an einen jungen Mann nebst Freundin, die mit ihren eigens dafür trainierten Hunden, einem belgischen Schäferhund und einem Malinois in den Bergen vermisste Wanderer suchen und für ihre hohe Erfolgsquote auf der Insel bekannt sind. Nun sind Hundekinder keine Menschen, aber lieber ein gescheiterter als kein gewagter Versuch ... So verabredeten wir uns in Chio und die Suche begann erneut  - und die Hunde nahmen tatsächlich eine Fährte auf und führten uns zu einem Platz, den wir wohl selbst nach monatelanger Zentimeter-Durchforstung des Gebietes nicht gefunden hätten. Jedoch wurde unsere freudige Erwartung dem Erdboden gleich gemacht, als wir den ersten toten Welpen vor dem Höhleneingang entdeckten, der seiner Mutter Benya wie aus dem Gesicht geschnitten war.
 

Wir begaben uns auf die Suche nach weiteren überlebenden Welpen und unsere letzter Hoffnungsschimmer zerschlug sich, als Welpe Nr. 2 nur tot aus der Höhle geborgen werden konnte. Sie waren nicht abgemagert und schätzungsweise erst 2 – 3 Tage tot und ich rätselte immer noch über die mögliche Todesursache, als kaum vernehmlich ein Laut aus dem Dunkel zu uns vordrang. 

Es wurde ein Fingerspitzen- und Geduldsspiel, ein kleines braunes Plüschbärchen aus diesem Felsspalt zu lotsen, hatte er schließlich noch nie derartige Ungeheuer in Menschenform gesehen. So bastelten wir uns eine Art Angel, an deren Ende wir ein schmackhaftes Stück Fleisch befestigten, gleichzeitig leuchteten wir die Höhle aus so gut es eben ging. Ausgehungert wie der kleine Kerl war, überwand er seine Angst und machte sich daran, den Leckerbissen zu ergattern und landete direkt in unseren Händen.

Wir haben ihn Rocco getauft. Seiner Mutter Benya muss irgendetwas zugestoßen sein – niemals würde eine Hündin ihren Nachwuchs über mehrere Tage allein lassen. Rocco war zu klein, als dass er sich selbst hätte durchschlagen können. Selbst wenn er aus der Höhle heraus geschafft hätte, hätte er  aus dieser Schlucht mit ihrer unendlichen Weite niemals herausgefunden und wäre wie seine Geschwister gestorben... 

 

 




Auf dem Weg nach Hause fiel uns eine besonders schöne und seltene Wolkenformation am sonst strahlend blauen Himmel auf – ein Zeichen? Für uns war es an diesem Tag eins – eins, das uns deutlich gemacht hat, dass hier ein großer Schutzengel über Rocco gewacht und es uns ermöglicht hat, sein Leben zu retten ... 

und vielleicht waren ja sogar mehrere Engel am Werk, denn nur kurze Zeit später wurde er von Familie Siegfried adoptiert ... seine neuen Eltern und die zukünftige Lebensgefährtin Lucy hätten ihn so gern an Weihnachten schon bei sich gehabt, aber leider ist Rocco zurzeit noch zu klein für ein eigenes Ticket und so werden sie ihm bestimmt seine Geschenke bis ins neue Jahr aufheben und Rocco wird sein erstes Weihnachtsfest mit dem 2- und 4-Beinern auf der PAT-Finca feiern ... 


 


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