Eigentlich hatte für den Ostersonntag bereits alle Vorbereitungen für die Rettung eines Podis, der schon Monate lang im Industriegebiet von Jeronimo herumläuft, getroffen, zumal am Ostersonntag das angrenzende Einkaufszentrum Al Campo und auch die anderen Großmärkte geschlossen haben. 

Aber wie schon so oft, kam ein anderer Notfall dazwischen und da dieser es wohl noch nötiger hatte als mein Freund in Jeronimo, musste ich kurzerhand noch einmal umdisponieren.

Am Samstag Abend um 22 Uhr erreichte mich der Anruf eines Spaniers namens José – ein sehr netter übrigens, wie sich später herausstellen sollte - vom Hotel/Touristenzentrum am Parador, der dort über Ostern Wandertouren unternahm. 

Er berichtete mir, dass er an der Choza Julian einen halb toten Podenco gesehen habe, dem er bereits all seinen Proviant und sein Wasser gegeben habe, der aber nicht laufen könne, da seine Hinterbeine wohl nicht mitmachen würden. Wir verabredeten uns also uns gleich für den nächsten Tag am Parador, um gemeinsam auf nochmalige Hundesuche zu gehen.

Am Ostersonntag habe ich dann um 7 Uhr meine liebe Freundin Ana Belen in La Laguna abgeholt. Bei so einer Aktion kann man gar nicht früh genug losfahren, denn die lange Anfahrt in die Berge will ja auch eingeplant sein. Inzwischen hat ja auch der Frühling bei uns Einzug gehalten und die Mittagstemperaturen in den Bergen sind nicht ohne. Getreu dem Motto ‚der frühe Vogel fängt den Wurm’ machten wir uns also auf die Socken...

Am Parador angekommen, trafen wir José und seine Frau, die erzählten und erzählten und irgendwie völlig neben sich standen. In kürzester Zeit war klar, dass uns ein langer Fußmarsch in glühender Sonne bevorstand, aber für ein Geschöpf in Not ist kein Weg zu weit, da waren wir uns alle einig.

Es offenbarte sich uns ein wunderschöner Wanderweg. Der Eingang war mit einer obligatorischen Schranke versehen, einen passenden Schlüssel hierzu hat nur das Personal des Parque National del Teide... also zu Fuß losmarschiert ...

Nach einer Stunde Marsch fragten wir José dann das erste Mal in aller Bescheidenheit, wann wir denn wohl an seiner ‚Podi-Fundstelle’  - einem ehemaligen Sanatorium inmitten der Kraterwüste - ankommen würden - denn weit und breit war nichts, absolut gar nichts zu sehen – außer Lavagestein soweit das Auge reicht.

Eine ganze Stunde später – 2 Std. Fußmarsch in sengender Sonne lagen hinter uns – erreichten wir dann endlich die drei unbewohnten Hütten. Von einem Podenco jedoch erst einmal keine Spur. Wir gingen an den Hütten auf Inspektionstour und entdeckten dann hinter einer Hütte Häufchen Elend eines Podencos, der allerdings durch die Nahrung u. das Wasser von José am Vortag offenbar schon wieder etwas an Lebensmut zurückgewonnen hatte. Es war ein großer wunderschöner Podenco, der dort wie gelähmt am Boden lag – seine Wanderungen durch das unendliche Lavagestein auf der vergeblichen Suche nach Wasser u. ein bisschen Nahrung hatten bereits heftige Spuren hinterlassen. Seine Fußballen bluteten, überall hatte er Schürfwunden und seine Augen waren von einem eitrigen Sekret verstopft – schlussendlich hatte ihm nun auch noch sein Körper den Dienst versagt.

Natürlich gaben wir ihm gleich Futter und Wasser und nachdem er sich gelabt hatte, blickte er schon wieder etwas hoffnungsvoller in die Welt - nur laufen konnte er nicht. Seine Freude über die Bekanntschaft mit uns, seinen neuen Freunden, ließ er uns sofort spüren - er legte sich auf den Rücken und wiegte sich wohlig von links nach rechts. 

Als nächstes tat sich die unumgängliche Frage auf, wie wir ihn zurück bis zur Straße befördern sollten, wo er ja nicht laufen konnte. Ich hatte schon ins Auge gefasst, bei ihm zu übernachten, dann hätten mich die Mitarbeiter des Parque National am nächsten Tag, wo sie wieder Dienst hatten, dort zusammen mit ihm abholen können. Ganz wohl war mir bei dieser Idee allerdings auch nicht – zudem war vom Parque National am heutigen Feiertag niemand zu erreichen, der willens und in der Lage gewesen wäre, die Schranke aufzuschließen, um uns samt Podenco auf vier Rädern dort wieder herauszuholen. 

So rief ich zunächst bei der Seprona – der ‚Umweltschutz-Polizei’ an, daran reihten sich dann weitere Telefonate, aber nein, niemand, aber auch wirklich niemand war heute im Dienst. Dann habe ich beim Parador angerufen und dort gebeten, die Parkwächter an den Roques del Teide zu informieren – diese hatten jedoch keinen Schlüssel, um die Schranke zu öffnen – alle Versuche, irgendjemanden zu finden, der diese dämliche Schranke öffnen könnte, verliefen im Sande und so beratschlagten wir erneut, was wir wohl noch tun könnten 

Ana Belen, mutig wie sie immer ist, schlug vor, ihn auf dem Rücken den ganzen Weg zurück zu tragen. Ausgeschlossen! Sie ist von fülliger Natur und bekam auf dem Hinweg schon kaum Luft und ein nochmaliger Marsch von 2 Stunden mit 20 kg zusätzlich auf dem Rücken – undenkbar.

Ich begann also erst mal meine Hütteninspektion fortzusetzen und siehe da in einer dieser Ruinen stand eine alte Karre. Soeben hatte sich unsere Optimallösung gefunden und binnen weniger Minuten hatten wir unseren Freund samt Futter in die Schubkarre gehoben. 

 
Das Futter war bald verzehrt und diese Ruckelpistenwanderung in einer holprigen Schubkarre entsprach wohl auch nicht seinen Vorstellungen von einem Sonntagsausflug. José schob ihn weiter und weiter und abwechselnd hielten Ana Belen und ich ihn fest, auf dass er nur in der Karre liegen blieb.

Er war schon ein stattlicher Kerl, 6 Jahre alt - wie sich später herausstellte - und er wusste schon ziemlich genau was er wollte, jedenfalls wollte er nicht mehr länger auf der Karre kutschiert werden. 

Aber ein weiter Weg zum Auto lag noch vor uns und die Sonne brannte vom Himmel.

...genügend Wasser für Mann und Maus dabei, hoffte ich jedoch, dass dieser Marsch irgendwie zu schaffen sei. Immer wieder telefonierte ich, um doch wenigstens jemanden zu erreichen. Es war doch nicht möglich, dass der Parque National, der sonst vor Aufpassern nur so wimmelt, heute auf einmal leergefegt sein sollte.

Da fiel mir Juan ein, einer der Chefs von der Straßenwacht Trapesa, ja und den bekam ich dann auch an die Strippe. Ich bat ihn, das Auto mit den Müllmännern herzubeordern und uns zu helfen, denn sie haben normalerweise auch die Schlüssel für die Schranken.  Jedoch konnte Juan dann wieder seine Mannschaft nicht erreichen, da sie sich in einem Tal ohne Netz – und somit ohne Verbindung - aufhielten. 

Unserem Podi wurde es dann definitiv zu heiß und nach einer Stunde Geschunkel hielt ihn nun nichts mehr auf der Karre.  Wir suchten uns erst einmal für alle ein Plätzchen unter einem Ginsterbusch im Schatten. Dort ließ ich alle drei dann zurück und machte mich allein auf den Rückmarsch. Oh weia, der Weg zog sich wie Kaugummi und ein Ende war nicht abzusehen. Was sollte das nur für ein Ende nehmen?  Würde ich es wenigstens noch bis zur Seilbahn schaffen? - die einzige Orientierungshilfe, die es hier in der wüsten Kraterlandschaft überhaupt gibt...

Dann klingelte mein Telefon und Juan teilte mir mit, dass er seine Männer von der Müllabfuhr erreicht habe und dass sie wohl in ca. einer Stunde da sein könnten. Die Freude meinerseits war riesig, dennoch setzte ich meinen Marsch fort und erreichte – ich konnte es selbst kaum glauben – doch irgendwann die Schranke, als die Mannschaft der Müllabfuhr bereits mit 3 Mann hoch versuchte, mit einem Schlüssel die Schranke zu öffnen.

Aber ‚Viva Espana’ -  der Schlüssel passte nicht. Also fuhren sie noch einmal zurück ins Touristenzentrum und holten von dort den passenden Schlüssel.

Ana Belen rief zwischendurch immer wieder an und wollte über eventuelle Neuigkeiten informiert werden. Es vergingen wiederum Stunden und sie saßen dort in der brüllenden Mittagssonne und warteten auf Hilfe, die immer noch auf sich warten ließ...
 
Dann endlich näherte sich der voll beladene Müllwagen erneut, endlich bekamen wir die verfluchte Schranke auf und der Müllwagen machte sich auf den Weg in die Wildnis, um meine Freunde wieder einzusammeln.
 
Nach langer Zeit kamen sie dann zurück, unser Podenco hoch oben auf dem Wagen, mitten im Müll, aber keine Spur von Ana Belen und José !?- für die zwei war kein Platz mehr in dem Geländewagen. Die beiden hatten nun auch noch die Karre wieder an den Ausgangspunkt zurückgebracht und sich dann ebenfalls zu Fuß auf die Socken gemacht.

Ich holte den Podi vom Bock herunter, denn die starken Männer hatten Angst vor diesem Geschöpf  *lach* und verfrachtete ihn in mein Auto. Er war ja so dankbar und seine Augen glänzten vor Glück und Zufriedenheit. 

Von Weitem sah ich nun 2 ausgelaugte Wandergesellen angeschlichen kommen ... Ana Belen war fix und fertig und verkündete, dass sie so etwas in ihrem Leben noch nie erlebt hatte. Irgendwie wusste sie kaum noch, wo links oder rechts, oben oder unten ist. Mit ihren 23 Jahren hatte sie ja auch noch nicht so viele Rettungen dieser Art mitgemacht, aber ich konnte sie trösten und ihr sagen, dass so etwas durchaus schon öfter mal vorkommen kann und manches Mal vielleicht noch schlimmer....

Unseren Podi ‚Sheriff’  habe ich gleich in die Klinik gebracht und schon am nächsten Tag konnte ich ihn wieder abholen, denn er war schon wieder bei Kräften. Bei mir zuhause hat er sich dann schnell erholt. Sheriff hatte einen Chip und somit einen Besitzer und nun sollte er ja auch bald wieder zu seinem Herrchen zurück. 

Wie oft sind solche Einsätze umsonst, wenn ein Tier dann nicht überlebt hat bzw. nicht überleben kann, wie es so oft dort oben ‚in der Mond-Einöde’ der Fall ist – nichts als Lavagestein und nicht von ungefähr trägt dieses Gebiet auch den Namen Mondlandschaft. 

Das Wiedersehen von Sherriff und seinem Herrn war dann etwas ganz Besonderes - beide hielten sich eng umschlungen fest, wie es sonst nur Verliebte tun. Aber er war ja auch ein Podi zum Verlieben. 

Er war in Arico im Süden der Insel zuhause und dieser arme Hund war von dort Kilometer weit geradewegs in die Sonnenwüste gerannt – dem sicheren Tod in die Arme.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Podencos dort oben sterben, weil sie nicht gesehen und somit gefüttert oder gerettet werden können, denn dazu ist das Gebiet dort oben einfach viel zu weitläufig und unübersehbar und ich möchte auch gar nicht wissen, wie viele dieser armen Geschöpfe tot in einem Müllwagen wieder ins Tal gebracht werden. 

Wieder ist ein anstrengender Tag vorbei, aber er hat sich gelohnt, auf der Welt zu sein, denn Sheriff ist gerettet und es ist ein wunderschönes Gefühl, wieder einmal einen kleinen Beitrag im Tierschutz geleistet zu haben. 

Ostersonntag 2005

Elke Rossmann
 
 

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