Wie und wann fängt man eigentlich einen streunenden Hund in den Cañadas del Teide ein? Für mich bis dato eine ungeklärte Angelegenheit. Aber dann fragte mich Elke, ob ich nicht Interesse hätte, mit ihr und zwei befreundeten Tierschützerinnen zum Parador in den Parque Nacional zu fahren, um dort eine weisse Podenca Namens „Taca“, die nunmehr schon seit 4 Monaten durch die karge Felslandschaft irrte, einzufangen. 

Das Wichtigste bei so einem Unterfangen ist natürlich das Wetter. Es sollte schon angenehm warm sein, nicht neblig, damit sich die Hündin überhaupt blicken lässt. Und da es in den letzten Tage wunderbar warm gewesen war, die Sonne mit all ihrer Kraft geschienen hatte und dem Anschein nach ideale „Jagdvoraussetzungen“ gegeben waren, entschieden wir uns für einen gemeinsamen Ausflug an einem verheissungsvollen Donnerstag.

Nun, wie man so schön sagt, kommt es erstens anders und zweitens als man denkt...

So ergab es sich also, dass mich Elke früh um 8.00 Uhr in strömendem Regen von zu Hause abholte, damit wir dann, nachdem die ganze Mannschaft (Elke - die Rudelführerin, Mama Lidia, und die beide Jungspunte Ana Belen und ich) kuschelig warm im Auto verpackt war, zu grossen Abenteuern aufbrechen konnten.

Für mich war es wie im Film. Aufgeregt, was uns der Tag wohl bringen mochte, konnte ich kaum an mir halten – war es doch das „Erste Mal“ für mich.

Ausgestattet mit Leckerli für Mensch und Tier, Hundefutter, ausreichend Decken sowie dem hochgepriesenen Blasrohr, mit dessen Hilfe wir die Hündin später ruhig stellen würden. Mama Lidia hatte zudem einen gut gefüllten „Fressbeutel“ mit Süssigkeiten und heisser Schokolade für die furchtlosen Gipfelstürmer dabei, der uns so manche lange Stunde an diesem Tag verkürzte.

Wir fuhren und fuhren, aber das Wetter besserte sich keinen Deut. Mehrmals riefen wir am Parador an, um uns nach den aktuellen Verhältnissen in punkto Regen, Wind und Sonne zu erkundigen und konnten es nicht so recht glauben, als man uns mit „maravilloso“ und „estupendo“ (wunderbar, hervoragend) antwortete. Selbst auf 2000 m war der Himmel noch bedeckt und es schüttete wie aus Eimern.

Doch dann, kurz vor unserem Ziel, zog es sich plötzlich auf, hörte auf zu regnen und die Sonne zeigte sich. Welch Glück, noch einige Minuten vorher hatten wir schon den Entschluss gefasst, dass es an einem anderen Tag wahrscheinlich günstiger wäre.

Nun war uns das Glück doch noch hold und die Aufregung steigerte sich wieder. Selbst für Elke ist es nach so vielen Jahren immer wieder neu – wie wird der Hund reagieren, wie werden sich die Touristen am Parador benehmen, die mit ihrer oft falsch eingesetzten Hilfsbereitschaft schon den ein oder anderen Streuner vertrieben haben und wie werden wir uns schlagen, denn immerhin hatte sie ja mit mir und Lidia zwei Neulinge an Bord. Immer wieder erklärte sie uns die geplante Vorgehensweise, doch aufgeregt wie wir waren, quasselten wir natürlich munter durcheinander – bis unsere Rudelführerin schlussendlich das notwendige Machtwort sprach, um uns zur Ruhe zu ermahnen.

Am Parador angekommen, teilten wir uns dann in Paare auf, um die Umgebung ein wenig zu durchstreifen. Leider war von „Taca“ nicht eine Spur zu finden. Die Stunden vergingen und trotz eitel Sonnenschein war es bitterkalt da oben. Der Gipfel des Teide immernoch mit Schnee bedeckt – und Elke wie immer in kurzen Hosen. Ich wärmte mich ab und zu an der durch die Sonne aufgeheizten Motorhaube des Berlingo, aber richtig warm wurde mir dadurch auch nicht. 

Eigentlich ist es erstaunlich, wie da so mancher Tourist am Teide gekleidet ist. Die Damen in Super-Mini-Röcken und Highheels und bei klirrender Kälte im Bikini-Top. Man muss doch zeigen, was man zu bieten hat. Die Herren in Sandaletten mit den berühmt berüchtigten Nylonsocken.

Nach einigen Stunden des Wartens und Ausschauhaltens entschied Elke, dass ich und Ana Belen mit dem Auto einmal die Strasse abfahren sollten, um vielleicht irgendeine Spur von der hübschen Weissen zu entdecken. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Hauptsache ab ins warme Auto. 

So fuhren wir einige hundert Meter, ständig aus dem Fenster spähend, die Strasse hinunter und auf einmal stand „Marronito“ vor uns. „Marronito“, muss man wissen, ist einer von Elkes cleversten Schützlingen. Seit 5 Jahren macht er die Berge nun schon unsicher und geht jeder Falle gekonnt aus dem Weg. Er ist wohlgenährt, glücklich und zufrieden da wo er ist und hat nicht das geringsten Interesse, seine Heimat zu verlassen. 

Wir halten also an, um unseren alten Freund zu begrüßen und ihm einige Leckereien anzubieten, die er mit grossem Hunger vertilgt. Und just in diesem Moment nähert sich ganz  vorsichtig unsere weiße Schönheit. Abgemagert und hungrig schlingt sie ein paar Brocken hinunter und entgegen Elkes Instruktionen verfüttern wir 2 große Dosen Nassfutter an sie – sie tut uns doch so leid...

Als sie schon ganz nah ist und immer noch misstrauisch frisst, nimmt Ana Belen das Blasrohr mit dem Beruhigungsmittel, zielt, schiesst... und verfehlt das erschrockene Ziel um Haaresbreite. Natürlich läuft unsere Hündin jetzt in Panik davon, quer durch die Retamars (kleine, borstige Wildsträucher; das Einzige, was in dieser Höhe noch wächst). Elke erklärt mir via Mobiltelefon, dass ich sie und Lidia schnell abholen soll, denn die beiden warten ja immernoch am Parador. Ana Belen behält in der Zwischenzeit unsere „Taca“ im Auge.

Doch als ich dann endlich mit den anderen zurückkomme, ist die Podenca schon verschwunden. Leider lässt sie sich auch nicht noch einmal blicken – so voll gefressen wie sie nun ist, liegt sie sicherlich irgendwo in der Sonne und lacht uns aus.

Elke ist verständlicherweise ein bisschen sauer auf uns, da man eine satte Hündin nun nicht mehr mit Futter anlocken kann, meint aber, dass es für uns jetzt auch langsam an der Zeit wäre etwas zu essen – es ist immerhin schon 14.30 Uhr und wir sind seit den frühen Morgenstunden unterwegs.

Wir fahren also ein wenig entmutigt zurück zum Parador. Ehrlich gesagt, finde ich die Preise dort ziemlich unangemessen und den Service sehr schlecht, aber den Touristen scheint es zu reichen. Jedenfalls suchen wir uns alle eine Kleinigkeit aus, stellen alles in die Mitte des Tisches und wollen es uns gerade schmecken lassen, als Elke und Ana Belen, die anscheinend die besseren Beobachter sind, aufspringen und zur Tür herausrennen. Und jetzt sehe ich es auch: Unsere Hübsche steht vor einem geparkten Auto, aus welchem in regelmäßigen Abständen Fleischstücke und Pommes Frites geflogen kommen. Ich renne den beiden hinterher – Lidia wird spontan dazu auserkohren, das Bestellte zu bewachen, denn bei so vielen hungrigen Besuchern weiß man ja nie ;-).

Am Auto angekommen, setzt sich Elke, da sie in Sachen „anpirschen und anvisieren“ die Erfahrenste von uns ist, ans Steuer. Ana Belen „bewaffnet“ sich abermals mit dem Blasrohr, ich schnappe mir einen eleganten grünen Eimer mit allerlei Frischfleisch und nähere mich ganz vorsichtig unserer „Taca“. Stück für Stück kann ich sie von dem Auto mit den verführerischen Pommes weglocken. Endlich geschafft, die Podenca steht jetzt ungefähr 2,5 m von Elke, Ana Belen und dem Blasrohr entfernt und frisst, was ich ihr zuwerfe – immer nur ganz wenig, damit uns der dumme Fehler vom Morgen ja nicht noch einmal passiert. Ich bin bis zum Zerplatzen gespannt. Meine Gedanken kreisen um alles Mögliche: Wird sie diesmal treffen? Wie weit wird die Hündin noch weglaufen können? Und vor allem, was geschieht mit mir, wenn ich aus Versehen getroffen werde – immerhin stehe ich nur wenige Zentimeter neben „Taca“, die mich nun wieder misstrauisch beäugt. Ich glaube, sie spürt meine Unruhe.

Und da passiert es. Ana Belen zielt, schiesst und Dank ihrer Zielgenauigkeit und Elkes ausgezeichneter Navigation mit dem Berlingo sitzt der Pfeil sofort in der linken Schulter. Erschrocken dreht sich die Weisse im Kreis, reisst sich den Pfeil heraus, und rennt in Richtung Restaurant. Wir hinterher. Erst als mir der kalte Wind ins Gesicht pfeift, merke ich, dass ich vor lauter Aufregung gar keine Jacke anhabe und friere gleich nochmal so sehr. 

Endlich hört die Podenca auf zu rennen, man merkt, dass sie unsicher wird und taumelt und schlussendlich bricht sie auf dem Parkplatz am Parador zusammen. Netterweise hält uns ein Vigilante vom Parque Nacional den Rücken frei, sodass keine neugierigen Touristen kommen und unsere Arbeit mit ihren Kamaras und Camcordern stören können. 

Wir legen „Taca“ vorsichtig auf die vorbereiteten Decken im Auto und nicht nur Elke hat nach so langer Zeit ein paar Tränen des Glücks in den Augen. Zufrieden und auch ein klein wenig stolz auf das Geleistete kehren wir zu unserem - inzwischen kaltem - Essen zurück.

Doch von verdienter Ruhe nach getaner Arbeit keine Spur. Ein Fotograf eines tenerifenischen Magazins für deutsche Residenten und Urlauber hat alles beobachtet und möchte nun natürlich ganz exklusiv über Elke und Pro Animal de Tenerife berichten. Noch am Mittagstisch (naja, es ist jetzt fast 16.00 Uhr) beantwortet Elke geduldig einige Fragen während sie ihr nicht mehr ganz heisses Süppchen geniesst.

Und plötzlich ist „Marronito“ wieder da, als ob er uns fragen wollte, was wir denn mit seiner Freundin vorhaben. Im Schlepptau hat er zwei kleine Kollegen, auch sie sind, wie die Podenca sehr mager und ausgesprochen hungrig. Wieder springen wir auf, ohne wirklich etwas gegessen zu haben und packen das nötige „Werkzeug“ zusammen. Einen der beiden können wir noch einfangen, der andere hat nach allem Erlebten keinerlei Vertrauen mehr in uns und auch nicht in den Eimer mit den Leckereien – naja, dann holen wir ihn eben das  nächste Mal.

Wir packen den kleinen Wicht zu „Taca“ in den Berlingo. Langsam wacht unsere Kleine auf und fängt an zu jammern. Es wird einstimmig beschlossen, dass wir auf direktem Wege nach La Gallega in die Tierklinik fahren, damit die Podenca schon mal versorgt werden kann. 

Auf dem Weg in die Klinik schlafe ich ein. Vor lauter Aufregung und auch von der dünnen Luft da oben bin ich unsagbar erschöpft – Elke ist wie immer fit, für mich unfassbar. Und als ich so träume, von unseren großen Taten und den erlebten Abenteuern, fällt mir doch ein, dass unser Essen ja immer noch im Parador – Restaurant auf dem Tisch steht...

 

In der Klinik dann die gute Nachricht: Die Podenca hat einen Chip und einen Besitzer, der sich anscheinend wirklich um sie sorgt, da sogar eine Vermisstenanzeige bei der Polizei vorliegt. Die hübsche hat auch einen passenden Namen: Cariñosa, was soviel wie „Liebling“ oder „Schätzchen“ heißt.

So fahren wir an diesem Abend alle erschöpft, aber glücklich nach Hause. Natürllich nicht ohne vorher noch die Hunde bei Elke zu Hause zu versorgen und ein paar Neuzugänge abzuholen.

Wie ein Stein falle ich eine halbe Stunde später ins Bett und kann gerade noch einen letzten wachen Gedanken an Elke verschwenden:

Wie macht sie das? Ich bin 22 Jahre jung und total geschafft von diesem Tag...
 

Puerto de la Cruz, den 31. Januar 2005
Kristina Richter

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