Ein Tag „NUR-URLAUB“ – 
oder Leons Totenwache ....
Wie  jedes  Jahr  verbringen   Sandra  und   ich   neben   einigen
Kurzurlauben auch unseren Jahresurlaub auf Teneriffa,  um unser
Hobby,  den  Tierschutz,  mit  anschließendem  „Nur-Urlaub“,  zu
verbinden. So reisen unsere Männer in der Regel dann immer erst
mehrere Tage später an, um den Part des  NUR-Urlaubs  mit  uns
zu teilen, während Sandra und  ich  in  der  ersten  Urlaubshälfte
erst einmal nur zu zweit unserem Hobby fröhnen. 

Die erste  September-Woche verging im Nu und so war es an der
Zeit, mit  dem Nur-Urlaub zu beginnen. So  machte  Sandra  sich
dann  am  Donnerstag  morgen  Richtung  Südflughafen  auf,  um
ihren  Mann  Matthias   abzuholen,  der  auch  „glücklicherweise“
noch einen  wunderbaren Frühflug um  06.00  Uhr  ab  Düsseldorf
gebucht hatte,  der ihn bereits um 03.00 Uhr aus  dem  Bett  ge-
nötigt hatte. Da  Matthias obendrein auch unbedingt  den Süden
– die Touristenhochburg  der  Insel  –  wenigstens  mal  gesehen
haben wollte,  hatten die zwei bereits zu  Hause  vereinbart, um
keinen  ganzen   Tag  für   einen  Ausflug   in   den  Süden   „zu
verschenken“, diese  Südexkursion direkt mit seinem  Anreisetag
zu verbinden, da man dann  ohnehin  schon  mal  im  Süden  am
Flughafen war. Bei dieser  Gelegenheit wollten die  2  sich  dann
erstmals auch mit Brigitte u.  Kurt  treffen,  die  anlässlich  ihres
letzten Urlaubs auf der Insel unsere Nicky gerettet hatten – per
Mail  hatte  sich  nun  bereits   über   lange   Zeit   ein   netter,
freundschaftlicher Kontakt aufgebaut und  der  Zufall  wollte es,
dass Brigitte u. Kurt zur gleichen Zeit auf Teneriffa weilten, wie
wir ...

Matthias   kam   planmäßig   an   und   einem   schönen   ersten
NUR-Urlaubstag – von  einigen Gähnern  bedingt durch das frühe
Aufstehen einmal  abgesehen – stand  eigentlich  nichts mehr im
Wege. Auch das  Blind-Date „Brigitte sucht Sandra“ klappte dank
eines handgeschriebenen  Pappschilds ganz prima und  bereits im
Auto gab´s einiges zu  erzählen, unter anderem, dass  Brigitte u.
Kurt einige Tage  zuvor  an einem  steilen  Barranco  einen  Hund
entdeckt  hätten,  den sich  Sandra  u.  Matthias  unbedingt mal
ansehen sollten (Hund? ... war doch eigentlich ein Tabu-Wort für
den Nur-Urlaub, aber na  ja,  wenn´s  beim  angucken bleibt ...).
Standardmäßig ohnehin immer mit Hundefutter, -näpfen,  Wasser
und Leine für den  Ernstfall  ausgestattet,  konnte  es  eigentlich
gleich losgehen .... 20 Minuten ging es durch  die  Pampa – sollte
in dieser Einöde wirklich irgendwo ein Hund sein?  Kurt  hielt an –
irgendwie gab es hier  nichts –  kein  Haus,  keinen  Strauch, nur
einen trostlosen  vertrockneten,  wahnsinnig  tiefen  und  steilen
Barranco. Aber am  Straßenrand  lag  tatsächlich  ein  Hund, der
sich freute die vier zu sehen und der sich streicheln ließ.

Nachdem sie  ihn gefüttert und gestreichelt  hatten,  guckten sie
sich den  Barranco einmal  näher  an.  Ca.  7 m  unter  ihnen  lag
neben einem  Sammelsurium  von  Müll  ein  toter  Hund.  Er  war
schon ziemlich stark verwest und  in  der  heißen  Sonne  zog ein
ziemlich übler Verwesungsgeruch  den  Hang  hoch.  Es  bedurfte
keiner langen Überlegung, der „NUR-Urlaubstag“ wurde gestrichen
und zu einem normalen Tierschutzurlaubstag  erklärt –  der  Hund
konnte hier nicht bleiben, er musste mit  zu  uns  in  den  Norden,
keine Frage. Um Matthias den Tag nun  nicht  gleich  komplett zu
verderben,  beschloss  man,   ihn   abends   auf   dem   Rückweg
mitzunehmen, denn satt und zufrieden war  Leon  bereits  wieder
in den Barranco heruntergeklettert, um bei seinem  toten  Freund
zu wachen.

So  ging  es  dann  erst  in   die  Stadt  zum  Bummeln  und  zum
Mittagessen und Sandra dachte  natürlich  ohnehin  nur  an  eins
– den armen Kerl aus dem Barranco,  bemühte  sich allerdings um
Gelassenheit ...  erst einmal  musste  jedoch  ein  Name  für  den
armen Schlumpf her – Kurt schlug Leo vor,  Brigitte  und  Sandra
hängten noch ein „n“ an und fortan sollte er Leon heißen.

Nach  dem  Essen  ging   es   dann  um   die   Organisation   des
Hundetransports. Elke wurde informiert, dass es wieder Zuwachs
geben würde, sie wollte  derweil  in  der  Klinik  Bescheid  geben,
dass Sandra einen  Hund  bringen  würde...  und  wieder  einmal
waren alle heilfroh, sofort und unkompliziert helfen zu können.

So ging es am Nachmittag dann wieder los in  Richtung Barranco.
Da Matthias ja noch sein ganzes Gepäck  dabei  hatte,  konnten
die Decken, die für Elke´s Hunde bestimmt  waren,  im  Heck des
Mietwagens   ausgebreitet   und   dieser   schon   hundegerecht
„eingerichtet“ werden.

Leon lag bereits wieder am Straßenrand  und freute sich, als  die
vier kamen. Doch sobald er Halsband und  Leine  erblickte, lief er
den Barranco herunter zu seinem toten Freund.  Zu  dumm, dass
Sandra ausgerechnet heute kein  Sedalin-Gel  dabei  hatte  (das
lag in meiner Badetasche natürlich gut) – ein  Narkosemittel, das
uns sonst beim Einfangen der Vierbeiner, die nicht ahnen können,
dass man ihnen nur Gutes will,  bislang  immer  gute  Dienste ge-
leistet hat. Vermengt mit etwas Futter wirkt es sehr schnell und
im müden Zustand  lassen  sich  die  Tiere  dann immer  bestens
einfangen.

Matthias  nahm  mit  Leine  und  Halsband   „bewaffnet“   Leons
Verfolgung in Richtung Barranco  auf,  was  schon  ziemlich  ge-
fährlich war, da  es  so  steil  und  felsig  hinunter  ging.  Unten
angekommen  entdeckte  Matthias  einen  zweiten  toten  Hund,
eingewickelt in eine  Plastiktüte.  Wahrscheinlich  hatte  man sie
einfach in diesem Barranco „entsorgt“ –  furchtbar. Leon saß auf
dem Kadaver seines toten  Freundes,  als  ob  er  sich  von  ihm
Beistand erhoffte. 

Matthias  versuchte  weiter,  Leon  die  Leine  anzulegen.  Nach
einiger Zeit hatte Matthias ihn  dann  am  Halsband,  doch  Leon
wehrte sich mit aller Kraft. Er warf sich auf seinen toten Freund,
lag auf ihm und wollte ihn partout nicht verlassen. Matthias zog
ihn von dem Kadaver herunter, es ging 2  Schritte  weiter, dann
warf Leon sich auf  den  Rücken  und  schrie  ganz  fürchterlich.
Sobald er  wieder  auf  den  Beinen  war,  zog  Matthias  wieder
vorsichtig an der Leine, Leon  sprang  auf  die  Hinterbeine, ver-
suchte die Leine durchzubeißen und warf sich  wieder schreiend
auf den Rücken. So ging es  bestimmt  20  min.  lang.  Oben am
Straßenrand verzweifelten Sandra, Brigitte und Kurt, aber hätte
Matthias Leon nun  einmal  losgelassen,  hätte  die  vier  ihn nie
wieder einfangen können ...

Krampfhaft  überlegte   man  gemeinsam,   was   man  bloß  tun
könnte  -  Leon  einfach  auf  den  Arm  zu  nehmen  war  nicht
möglich, erstens wussten  sie  nicht,  ob  er  versuchen  würde,
zu beißen, außerdem war es  schon  ohne  zusätzliches Gewicht
ziemlich halsbrecherisch, in  diesem  Barranco  herumzukraxeln – 
mit einem Hund auf  dem  Arm  ganz  undenkbar.  Kurt  kletterte
dann ebenfalls  den  Hang  hinunter  und  versuchte  zu  helfen. 
Matthias zog an der Leine, Kurt schob  von  hinten,  aber  Leon 
warf sich immer wieder auf den Rücken, was  muss  er  nur  ge-
dacht haben, was sie mit ihm vorhaben....

Plötzlich rannte Leon dann vorwärts, den Berg  hinauf, Matthias
und Kurt hinterher, damit sich bloß die Leine nicht  strafft, aber
zu spät,  Leon  war  bereits  wieder  stehen  geblieben  und lag
wieder auf dem Rücken. Nun waren es  aber  nur  noch  wenige
Meter und es nützte alles nichts, jetzt  ging  es  nur  noch  mit
Gewalt. Matthias zog von vorne an der Leine,  Kurt  schob  von
hinten den  armen  Leon  auf  dem  Rücken  die  Felsen  hinauf.
Niemand kann nachvollziehen, wie  leid  er  allen  tat,  aber  es
musste  leider sein, denn auf Dauer hatte  er  in  dieser  Einöde
null Überlebenschance. 

Und dann sollten die  vier doch noch Erfolg haben - Leon  stand
neben dem Auto. Er war  völlig  am  Ende,  zitterte  am  ganzen
Leib, seine Hoden waren blutig gescheuert, seine Zunge blutete,
er hatte sich wohl daraufgebissen. 

Er bekam erst einmal  Wasser  und  war  so  erschöpft,  dass er
problemlos  ins  Auto   verfrachtet    werden    konnte.   Sandra
spendete ihm auf der Rückbank Trost. Brigitte u. Kurt geleiteten
Sandra u. Matthias noch zur  Autobahn  und  dann  traten die 2
erst einmal die 1 ½ -stündige Rückfahrt  in den Norden an. Leon
war ganz ruhig, ließ sich streicheln, legte den Kopf  auf Sandras
Arm. Unterwegs rief sie noch einmal bei Elke an,  die sich an der
Klinik mit den beiden treffen wollte. 

Inzwischen war es dunkel  und  nach  21.00  Uhr  und  auch  bei
Matthias hatte der  Schlafmangel  inzwischen  deutliche  Spuren
hinterlassen ... in  der   Klinik  angekommen,  wurde  den  beiden
dann leider gesagt, dass  sie  keinen  so  großen  Hund  erwartet
hätten und einen in dieser Größe nicht mehr  aufnehmen können,
da sie keinen Platz hätten. Matthias war nun völlig entnervt, seit
fast 19 Stunden auf den Beinen wollte er auch nur noch duschen
und endlich schlafen. Aber es half ja nichts,   Leon musste vorher
untergebracht werden. So ging es dann weitere 20 Minuten in die
nächste große Klinik,  die  Leon  dann  aufnahmen.  Um 23.00 Uhr
deutscher  Zeit  kamen  die   beiden   dann   endlich   in  unserer
Wohnung an – nicht, dass ich mir Sorgen gemacht hätte ...

Sandra konnte die ganze Nacht nicht schlafen, dachte  immer an
Leon ...,  Matthias ging es genauso und  so  entschieden Sandra
u.  Matthias  nach  2  Tagen,  Leon  kommt  mit   zu   uns  nach
Deutschland – der NUR-Urlaub hatte sich  nach  diesem  Ereignis
nun ohnehin erledigt. 

Doch es sollte anders kommen.... Leon wurde  kastriert  general-
untersucht, wozu auch ein Test auf  Filaria  gehört.  Dieser  war
leider positiv. Nun  muss  Leon,  bevor  er  überhaupt  ausreisen
kann, erst einmal eine langwierige Behandlung über sich ergehen
lassen, bis sein Micro-Filaria-Test negativ ist, um  dann hoffent-
lich zum Jahresende hin in ein besseres Leben entlassen werden
zu können ... und in der Mendener Pflegestelle  im Hause Sandra
u. Matthias Ninka wird er bereits jetzt  sehnsüchtig  erwartet ...
aber lange ist es ja nun nicht  mehr, bis  Weihnachten  naht und
wie Elke berichtete, beginnt er bereits jetzt, sein Leben in vollen
Zügen zu genießen ...

Sept/Okt. 2002 – Tanja Groenhoff für Pro Animal de Tenerife
 
 

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