Teneriffa im Sommer 2007 – Flammeninferno auf der Insel des ewigen Frühlings

Es ist Ende Juli 2007 – seit Tagen leidet die Insel unter einem extrem heißen ‚Schirocco’ - Wind aus der Sahara -, der uns viel Staub, Sand und Temperaturen von 40 Grad – 45 Grad im Schatten beschert. Jede Aktivität wird zur Qual, Wasser ist überall Mangelware… vor allem in den Bergen, wo die sengende Sonne über dem Teide schon morgens die Straßen flimmern lässt und man keine große Vorstellungskraft braucht, um zu wissen, dass der Überlebenskampf der Hunde in den Bergwäldern den ohnehin schon ausgemergelten Körpern in diesen Tagen noch das Letzte abverlangt. Ohne menschliche Hilfe sind sie zum Sterben verdammt. Das Auto bis zum Bersten gefüllt mit Wasserkanistern und Trockenfutter gilt es den unerträglichen Temperaturen zu trotzen und meine Futterstellen in den Bergen noch  häufiger als sonst zu bestücken, damit das Überleben der Tiere in diesen Tagen gesichert ist. Auf dem Weg in die Berge erreicht mich ein Notruf von Tierfreunden in der Nähe von Icod de los Vinos. Sie haben in der Zona Recreativa Taona eine kleine Hündin mit vier Jungen in einer Höhle entdeckt. Taona – eine kleine Weltreise von Orotava aus, die ich z. Zt. unmöglich noch zusätzlich bewältigen kann. Wir besprechen die Situation, denn einen „Waldhund“ fängt man nicht einfach so, schon gar keinen, der auch noch Welpen hat. Meine in England handgefertigte Falle dürfte beim Einfangen hier gute Dienste leisten, es ist die einzige mittelgroße  Falle, die ich habe und ich hüte sie meinen Augapfel, da sie mir schon viele Jahre gute Dienste geleistet hat. Sollte es gelingen, die Hündin nebst Kindern einzufangen, wären sie im Nahe gelegenen Tierheim von Carmen aus Icod in guten Händen und so versprechen mir alle Beteiligten, die Falle auf jeden Fall abends abzubauen und nicht in den Wäldern stehen zu lassen. Das ist Tierschutz, so wie er sein sollte: ein jeder trägt seinen möglichen Teil dazu bei, um das gemeinsame Ziel zu erreichen… Guten Mutes machen sich die Tierfreunde ans Werk und am Abend erreicht mich die freudige Nachricht, dass nach einem mehrstündigen Geduldsspiel des Wartens der erste Welpe in die Falle getappt ist, die sich wieder einmal bewährt hat. Am nächsten Tag soll der nächste Versuch gestartet werden … doch soweit sollte es zunächst nicht mehr kommen.

Es brennt lichterloh in den Bergen – die Nachricht verbreitet sich ebenso schnell wie das Feuer. Straßen und Zufahrten werden gesperrt – alle sind in großer Angst und Sorge. Unsere Finca befindet sich außerhalb des Krisengebiets, aber auch mein hilfloser Blick verfolgt die Rauchfahnen am Horizont und ahnt das hereinbrechende Unheil, dem wir alle erst einmal machtlos gegenüber stehen. Die Telefone glühen heiß. Besonders in schweren Zeiten gilt es zusammenzuhalten und so hält man sich auf dem Laufenden, wo die Feuer zurzeit am stärksten wüten und wo Hilfe gebraucht wird. Wir sind alle am Ende – ein Einsatz nach dem nächsten … der Tag hat regelmäßig mindestens 18 Stunden, die wir unterwegs sind, um irgendwo zu helfen. Carmen ist mit ihrem Tierheim verdammt nah dran. Dass sich im Süden die Urlauber am Atlantik sonnen und bei uns im Norden fast die Welt untergeht, ist so paradox, dass man gar nicht näher drüber nachdenken mag. Ich bin in großer Sorge um all meine Schützlinge in den Bergen, gehe im Geiste immer wieder meine Futterplätze durch und ob es dort Schutzmöglichkeiten für die Tiere gibt. Aber auch für mich macht die Guardia Civil- Seprona in diesen Tagen keine Ausnahme so bleiben Straßensperren Straßensperren. An die Hündin und ihre 3 Welpen in der Höhle mag ich gar nicht denken u. meine Falle habe ich ebenfalls abgeschrieben. Durch die Trockenheit der letzten Tage hat das Feuer zu allem Übel einen idealen Nährboden und wir müssen hilflos zusehen, wie die einst so eindrucksvolle Flora und Fauna von Icod de los Vinos, Erjos, El Tanque über Santiago del Teide bis an den Fuß des Teide vor den Bränden geprägt von einer herrlichen Natur, traditioneller Landwirtschaft und nicht zuletzt von historisch wertvollen Dörfen, Opfer der Flammenhölle werden. Im Naturschutzgebiet Corona Forestal, in dem die Kanarenkiefer überwiegt, explodieren die Zapfen wie Handgranaten, zudem wirkte das Harz der  Pinien  wie ein Brandbeschleuniger, die starken Böen des Scirocco leisteten ihr übriges, damit das Inferno immer größere Ausmaße annehmen konnte. Bei Carmen ist es inzwischen so schlimm, dass sie evakuiert werden muss. Es bleibt nicht viel Zeit. Zu wenig Zeit, um Lösungen für über 40 Hunde in ihrem Tierheim zu finden, zumal die Straßen seit Ausbruch des Brandes nicht mehr zugänglich sind. Da die Tiere in dem beißenden Qualm zu ersticken drohen, gibt es nur noch eine Lösung für die nicht einfangbaren Hunde – die Freiheit und die Hoffnung, dass ihr Instinkt sie aus der Flammenhölle führen wird. Den größeren Teil wird von Tierschützern übernommen und im Städtischen Schlachthof untergebracht Carmen entlässt all ihre Schützlinge in der Hoffnung, dass nach dem Brand möglichst viele von ihnen wieder zurückkommen.  14.000 Menschen werden evakuiert - nur die Menschen – die Tiere wurden von den Behörden leider nicht berücksichtigt. Ob sie wollen oder nicht, die Menschen werden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und dürfen nur das Nötigste mitnehmen. In die Verzweiflung mischt sich vor allem die Wut, da inzwischen bekannt ist, dass Brandstiftung hinter der Katastrophe steckt. Was sind das für Menschen, die bewusst an schwer zugänglichen Stellen Feuer legen und sich anschließend an der Zerstörung von Lebensräumen und am Tod ergötzen? Der Brandstifter dieser Katastrophe wird auf seine Kosten gekommen sein. Menschen verloren mit samt ihren Häusern, die bis auf die Grundmauern nieder brannten, ihre Existenzen. Tausende Tiere verloren auf qualvolle Weise ihr Leben. Hunde verbrannten an den Ketten oder in ihren Verschlägen, Kühe, Ziegen, Hühner in ihren Ställen, Kaninchen in den Corales. Hätte man sie nicht wenigstens frei lassen können, damit sie sich ihren Weg aus der Flammenhölle selbst suchen konnten?? Aber es sind ja nur Tiere, die auf unserer Insel nichts wert sind, so schreibt selbst die spanische Tageszeitung El Dia nach der Katastrophe. Die Gedanken an all dieses Leid macht uns, die wir uns Tag ein Tag aus für die schwache Kreatur einsetzen, nahezu ohnmächtig.

Endlich sind die Straßen wieder passierbar und der erste Weg führt in die Berge. Tränen lassen sich nur schwer unterdrücken. Verbrannte Erde, verbrannte Häuser, verbrannte Tiere. Inferno real. Ob die Hunde eine Chance hatten, irgendwie zu überleben? Auch meine Tierfreunde aus Icod sind sofort wieder ausgerückt um zu sehen, ob die Mutter mit ihren Kindern überlebt hat und auch meine Falle haben sie zu meiner Freude dabei. Alles um die Höhle herum ist abgebrannt. Die Höhle scheint jedoch intakt. Ein heiseres Bellen, das Köpfchen der Mutter lugt aus einem weiteren Ausgang. Endlich kommt jemand, um uns zu helfen! Ein kleiner Kopf kommt zum Vorschein und noch einer und auch der Letzte ist am Leben. Unbändige leise Freude. Hunger und Durst nach diesen schrecklichen Tagen obsiegen die Angst. Am Abend sitzt die komplette Hundefamilie bei schmackhaftem Futter in der Falle und alle sind ganz ruhig – scheinbar weiß die Mutter, dass sie es nun mit ihren Jungen geschafft hat. Sie bekommt den Namen ‚die Löwin von Taona’ und wird nebst ihren Kindern Bewohnerin von Carmens Tierheim, das Gott sei Dank vom Feuer verschont blieb. Auf dem Weg zum Tierarzt läuft den Tierfreunden dann noch ein Podenco fast ins Auto. Er hinkt und ist kurz vorm Verdursten, schlapp schlapp … bitte nehmt mich doch auch noch mit, scheint er sagen zu wollen und schon sitzt auch er auf dem Beifahrersitz. Er ist eine sie, sie heißt jetzt Icona und ist inzwischen auf meiner Finca eingezogen, wo sie sich sichtlich von den Strapazen erholt, mit ihrem liebevollen Wesen alle hier verzaubert und hoffentlich auch bald liebevolles zweibeiniges Rudel findet.

Koordinationsfehler und unnötige Bürokratie sind ursächlich dafür, dass es ganze 6 Tage dauerte, bis die Feuer endlich gelöscht waren. 11.000 Hektar Wald sind verbrannt und es wird Jahre dauern, bis sich die Wälder wieder erholen.

Für uns gibt es jetzt mehr denn je zu tun – denn unzählige ‚Löwinnen u. Löwen’, die um ihr Überleben kämpfen, möchten noch gerettet werden … nur gut, dass wir Tierschützer uns über unser Ziel einig sind und in Puncto Krisenmanagement sicher wesentlich besser organisiert sind.

Elke Rossmann

 

[zurück]