Wassi
... oder manchmal muss man zu seinem 
Glück gezwungen werden ...

Seit geraumer Zeit schon hatte ich hoch oben in den Canadas am
km-Stein 33 eine Podenca gesehen, die  nur  noch  ein  Schatten 
ihrer selbst  war  –  ein  Skelett  überzogen  mit  etwas Haut. Sie 
bewegte sich nur sehr langsam und schwerfällig, aber wehe, man 
versuchte, sich ihr zu  nähern,  dann  brachte  sie  alle  noch  zu 
mobilisierenden Kräfte auf und schoss  getrieben  von  Angst  wie 
ein Pfeil davon.

Dort oben  gibt  es  kein  Wasser  und  ich  vermutete,  dass  sie 
innerlich schon fast vertrocknet sein musste. So gab  ich  ihr den 
Namen „Wassi“. Ich benenne meine Hunde immer nach den Orten, 
an denen ich sie finde, das macht es mir leichter, alle auseinander 
zu halten.  Diese arme Seele ließ mir keine  Ruhe mehr und so fuhr 
ich gemeinsam mit meiner Hilfe Iris am Donnerstag in die Berge mit 
dem Vorhaben, dieser armen Hündin endlich  habhaft  zu  werden. 
So  starteten  wir  gemeinsam  die  Fütterungstour und am km 33 
angekommen,  stand  Wassi  mitten  auf  der  Straße.  Eine  Dose 
Futter versetzt mit Beruhigungsmittel hatten wir bereits griffbereit
und Wassi schlang alles gierig hinunter. Da es sich um eine schnell
wirkende Paste handelt, begann  Wassi  bereits  unmittelbar nach 
dem   Fressen   etwas   zu   taumeln,  dennoch   marschierte  sie 
schnurstracks die Straße entlang. Wir folgten ihr  mit  dem  Auto. 
Als sich ihr  Gang  merklich  verlangsamte,  stiegen  wir  aus  und 
kreisten   sie  ein.   Inzwischen   hatten  wir  die  Aufmerksamkeit 
anderer Autofahrer erregt und man kann fast von einer kollektiven 
Fangaktion   sprechen,  denn   alle   wollten   uns   helfen,  Wassi 
einzufangen. Ein  Busfahrer  stellte  seinen  Bus  kurzerhand  quer 
mitten auf die Passstrasse und so gab es für Wassi kein Entrinnen
mehr.   Das  Beruhigungsmittel   entfaltete   seine   Wirkung,   ein 
kräftiger Spanier griff beherzt zu  und  Wassi  wurde  in  die  Arme 
von Iris übergeben. Wassi war nur noch ein  „Fliegengewicht“ und
wir machten uns gleich auf den Weg  zum  Tierarzt.  Ihr  Zustand 
war  aufgrund   der   Dehydration  dermaßen  schlecht,  dass  wir 
unterwegs schon dachten,  dass  wir  es  nicht  mehr  rechtzeitig 
schaffen und Wassi  wahrscheinlich  uns  noch  an  Herzversagen 
unter den Händen wegstirbt. Das Glück  war  jedoch  auf  unserer Seite und  wir  erreichten  mit  einer  noch  lebenden  Wassi  den 
Tierarzt. Dieser legte sie gleich an den  Tropf  und  nunmehr  wird 
sie schon seit 3 Tagen künstlich ernährt. Wir  sind  zuversichtlich,
dass sie überleben wird und wünschen  uns  nichts mehr, denn sie 
soll den Rest ihres  Lebens  doch  noch  ein  schönes  Hundeleben 
bekommen. Ein solches hatte  sie  bislang  jedenfalls  nicht: Krank 
vor Durst über Monate in der Caldera unterwegs – die Jagdzeit ist 
schon 3 Monate vorbei –  wird  sie  vermutlich  bei  ihrem Jäger in 
einem  engen  Zwinger  gesessen  haben,  denn  sonst  wäre  sie 
sicherlich   zu  ihrem  Herrn   zurückgelaufen.   Wassi  hatte  sich 
jedenfalls entschlossen, lieber auf und davon zu  rennen,  anstatt 
zu ihm zurückzukehren, auch  wenn es den Tod durch Verhungern
und Verdursten für sie bedeutet hätte –  diesen  konnten  wir  ihr 
Gott sei Dank in buchstäblich letzter Minute noch ersparen.

Febr. 2002  Elke Rossmann

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